Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Hermippus von

Hermippus

An Karl Wolff, Rektor des Katharinenstifts

Stuttgart 1860

Seltsames wird von Hermippus, dem römischen
Weisen, dem Pfleger
Weiblicher Jugend, erzählt, Glaubliches doch, wie
mir deucht.
Hundertundfünfzehn Jahre, so liest man, vom
stärkenden Anhauch
Kindlicher Lippen genährt, lebte der treffliche
Greis.
Dort in geschlossener Halle, die er zur Schule den
Mädchen
Selber gegründet, auch wohl öfter im Gärtchen am
Haus
Sah man ihn Tag für Tag, vom Morgen zum Abende
tätig,
Bei dem bescheidenen Brot seiner Minerva
vergnügt.
Rundum zu Füßen ihm saß, in pergamentenen Rollen
Lesend ein Teil, ein Teil still mit dem Griffel
bemüht.
Aber der kleineren eins hielt er in holder Umarmung
Allzeit selbst auf dem Schloß (immer das ärmste
zuerst).
Goldene Sprüche der Alten und liebliche Rhythmen
der Dichter,
Die es gelernt, hört' er, leis ihm der Reihe nach ab.
Und vom Munde des Mädchens den Hauch, wie
Frühlingsatem
Herzerfrischend, empfing er in die welkende Brust.
Also fristet' Asklepios ihm die gesegneten Tage.
Aber der Parze zuletzt weicht auch der
Himmlischen Rat.
-- Als er nun tot im Portikus saß in dem steinernen
Sessel,
Noch vom Mantel, den er gestern getragen,
umhüllt,
Kamen aus jedem Quartiere der Stadt unmündige
Kinder,
Jungfraun, Mütter, in Eil, edle Matronen, herbei,
Ihren Hermippus noch einmal zu sehn, den Geweihten
der Götter,
Kamen und standen von fern, sonder Entsetzen, um
ihn,
Ehrend so heiligen Schlaf mit Schweigen. Und einige
kränzten
Mit Hyazinthen sein Haupt, Veilchen auch deckten
den Schoß
Lieblicher war nicht Homerus geschmückt von den
Fingern der Musen,
Milderes Have war keinem hinuntergefolgt.

Aber wozu dir dies, mein Lykos? - Bester, versteh
mich:
Lang ist die Kunst, und lang messe dein Leben der
Gott!
Zwar noch ist es nicht eben an dem gar, daß du der
Künste
Unseres Römers bedarfst, aber sie kommt dir, die
Zeit,
Laß mich's hoffen! - gewiß. Dann, wenn die Locke dir
schneeweiß
Hängt und der Bart, wer ist besser geborgen als
du?
Doch ich seh es im Geist, du wirst an Würden und
Ehren
Reich, vor den Neunzigen schon heiterer Ruhe dich
freun.
Still im eigenen Haus hast du, im eigenen Gärtlein
Sitzend, ein blühendes, lernlustiges Häufchen zur
Hand.
Zwar längst nimmer den Enkel, doch Söhne und
Töchter des Enkels
Auf den Knien, trinkst du Fülle des Lebens in
dich.