Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Xenien und Votivtafeln von


[Xenien und Votivtafeln]


Tabulae Votivae


Was der Gott mich gelehrt, was mir durchs Leben
geholfen,
Häng ich dankbar und fromm hier in dem
Heiligtum auf.


Die verschiedene Bestimmung

Millionen sorgen dafür, daß die Gattung bestehe,
Aber durch wenige nur pflanzet die Menschheit
sich fort.
Tausend Keime zerstreust der Herbst, doch bringet
kaum einer
Früchte, zum Element kehren die meisten zurück.
Aber entfaltet sich auch nur einer, der einzige streuet
Eine lebendige Welt ewiger Bildungen aus.




Das Belebende

Nur an des Lebens Gipfel, der Blume, zündet sich
Neues
In der organischen Welt, in der empfindenden, an.


Zweierlei Wirkungsarten

Wirke Gutes, du nährst der Menschheit göttliche
Pflanze,
Bilde Schönes, du streust Keime der göttlichen aus.


Unterschied der Stände

Auch in der sittlichen Welt ist ein Adel; gemeine
Naturen
Zahlen mit dem, was sie tun, schöne mit dem, was
sie sind.




Das Werte und Würdige

Hast du etwas, so gib es her und ich zahle, was recht
ist,
Bist du etwas, o dann tauschen die Seelen wir aus.


Der moralische und der schöne Charakter

Repräsentant ist jener der ganzen Geistergemeine,
Aber das schöne Gemüt zählt schon allein für sich
selbst.


Die moralische Kraft

Kannst du nicht schön empfinden, dir bleibt doch
vernünftig zu wollen,
Und als ein Geist zu tun, was du als Mensch nicht
vermagst.




Mitteilung

Aus der schlechtesten Hand kann Wahrheit mächtig
noch wirken,
Bei der Schönheit allein macht das Gefäß den
Gehalt.


An*

Teile mir mit, was du weißt, ich werd es dankbar
empfangen,
Aber du gibst mir dich selbst, damit verschone
mich, Freund.


An**

Du willst Wahres mich lehren? Bemühe dich nicht;
nicht die Sache
Will ich durch dich, ich will dich durch die Sache
nur sehn.




An***

Dich erwähl ich zum Lehrer, zum Freund. Dein
lebendiges Bilden
Lehrt mich, dein lehrendes Wort rühret lebendig
mein Herz.


Das blinde Werkzeug

Wie beklag ich es tief, wenn eine herrliche Seele,
Wert, mit zum Zwecke zu gehn, mich nur als Mittel
begreift.


Wechselwirkung

Kinder werfen den Ball an die Wand und fangen ihn
wieder,
Aber ich lobe das Spiel, wirft mir der Freund ihn
zurück.




An die Muse

Was ich ohne dich wäre, ich weiß es nicht; aber mir
grauet,
Seh ich, was ohne dich Hundert' und Tausende
sind.


Der Philister

Nimmer belohnt ihn des Baumes Frucht, den er
mühsam erziehet,
Nur der Geschmack genießt, was die
Gelehrsamkeit pflanzt.


Das ungleiche Schicksal

Mit dem Philister stirbt auch sein Ruhm; du,
himmlische Muse,
Trägst, die dich lieben, die du liebst, in
Mnemosynens Schoß.




Pflicht für jeden

Immer strebe zum Ganzen, und kannst du selber kein
Ganzes
Werden, als dienendes Glied schließ an ein Ganzes
dich an.


Der schöne Geist und der Schöngeist

Nur das Leichtere trägt auf leichten Schultern der
Schöngeist,
Aber der schöne Geist trägt das Gewichtige leicht.


Philister und Schöngeist

Jener mag gelten, er dient doch als fleißiger Knecht
noch der Wahrheit,
Aber dieser bestiehlt Wahrheit und Schönheit
zugleich.




Die Übereinstimmung

Wahrheit suchen wir beide; du außen im Leben, ich
innen
In dem Herzen, und so findet sie jeder gewiß.
Ist das Auge gesund, so begegnet es außen dem
Schöpfer,
Ist es das Herz, dann gewiß spiegelt es innen die
Welt.


Natur und Vernunft

Wärt ihr, Schwärmer, imstande, die Ideale zu fassen,
O so verehrtet ihr auch, wie sichs gebührt, die
Natur.
Wärt ihr, Philister, imstand, die Natur im Großen zu
sehen,
Sicher führte sie selbst euch zu Ideen empor.


Der Schlüssel

Willst du dich selber erkennen, so sieh, wie die
andern es treiben,
Willst du die andern verstehn, blick in dein eigenes
Herz.


Das Subjekt

Wichtig wohl ist die Kunst und schwer, sich selbst zu
bewahren,
Aber schwüriger ist diese: sich selbst zu entfliehn.


Glaubwürdigkeit

Wem zu glauben ist, redliche Freunde, das kann ich
euch sagen:
Glaubt dem Leben, es lehrt besser als Redner und
Buch.




Was nutzt

Schädliche Wahrheit, wie zieh ich sie vor dem
nützlichen Irrtum!
Wahrheit heilet den Schmerz, den sie vielleicht uns
erregt.


Was schadet

Ist ein Irrtum wohl schädlich? Nicht immer, aber das
Irren,
Immer ists schädlich; wie sehr, sieht man am Ende
des Wegs.


Zucht

Wahrheit ist niemals schädlich, sie straft - und die
Strafe der Mutter
Bildet das schwankende Kind, wehret der
schmeichelnden Magd.




Das Schoßkind

Fremde Kinder lieben wir nie so sehr als die eignen,
Irrtum, das eigene Kind, ist uns dem Herzen so
nah.


Trost

Nie verläßt uns der Irrtum, doch zieht ein höher
Bedürfnis
Immer den strebenden Geist leise zur Wahrheit
hinan.


Die Zergliederer

Spaltet immer das Licht! Wie öfters strebt ihr zu
trennen,
Was euch allen zum Trutz eins und ein Einziges
bleibt.




Metaphysiker und Physiker

Alles will jetzt den Menschen von innen, von außen
ergründen,
Wahrheit, wo rettest du dich hin vor der grausamen
Jagd?


Die Versuche

Dich zu greifen ziehen sie aus mit Netzen und
Stangen,
Aber mit leisem Tritt schreitest du mitten hindurch.


Die Quellen

Treffliche Künste dankt man der Not und dankt man
dem Zufall,
Nur zur Wissenschaft hat keines von beiden
geführt.




Empiriker

Daß ihr den sichersten Pfad gewählt, wer möchte das
leugnen?
Aber ihr tappet nur blind auf dem gebahntesten
Pfad.


Theoretiker

Ihr verfahrt nach Gesetzen, auch würdet ihrs
sicherlich treffen,
Wäre der Obersatz nur, wäre der Untersatz wahr!


Letzte Zuflucht

Vornehm schaut ihr im Glück auf den blinden
Empiriker nieder,
Aber, seid ihr in Not, ist er der delphische Gott.




Die Systeme

Prächtig habt ihr gebaut. Du lieber Himmel! Wie
treibt man,
Nun er so königlich erst wohnet, den Irrtum
heraus?


Die Philosophien

Welche wohl bleibt von allen den Philosophien? Ich
weiß nicht,
Aber die Philosophie, hoff ich, soll immer bestehn.


Die Vielwisser

Astronomen seid ihr und kennet viele Gestirne,
Aber der Horizont decket manch Sternbild euch zu.




Mein Glaube

Welche Religion ich bekenne? Keine von allen,
Die du mir nennst! »Und warum keine?« Aus
Religion.


Moralische Schwätzer

Wie sie mit ihrer reinen Moral uns, die Schmutzigen,
quälen!
Freilich, der groben Natur dürfen sie gar nichts
vertraun!
Bis in die Geisterwelt müssen sie fliehn, dem Tier zu
entlaufen,
Menschlich können sie selbst auch nicht das
Menschlichste tun.
Hätten sie kein Gewissen und spräche die Pflicht
nicht so heilig,
Wahrlich, sie plünderten selbst in der Umarmung
die Braut.




Meine Antipathie

Herzlich ist mir das Laster zuwider, und doppelt
zuwider
Ist mirs, weil es so viel schwatzen von Tugend
gemacht.
»Wie, du hassest die Tugend?« - Ich wollte, wir übten
sie alle,
Und so spräche, wills Gott, ferner kein Mensch
mehr davon.


Der Strengling und der Frömmling

Jener fodert durchaus, daß dir das Gute mißfalle,
Dieser will gar, daß du liebst, was dir von Herzen
mißfällt.
Muß ich wählen, so seis in Gottes Namen die Tugend,
Denn ich kann einmal nicht lieben, was
abgeschmackt ist.




Theophagen

Diesen ist alles Genuß. Sie essen Ideen und bringen
In das Himmelreich selbst Messer und Gabel
hinauf.


Fratzen

Fromme gesunde Natur! Wie stellt die Moral dich an
Pranger!
Heilge Vernunft! Wie tief stürzt dich der
Schwärmer herab!


Moral der Pflicht und der Liebe

Jede, wohin sie gehört! Erhabene Seelen nur kleidet
Jene, die andere steht schönen Gemütern nur an.
Aber Widrigers kenn ich auch nichts, als wenn sich
durch Bande
Zarter geistiger Lieb Grobes mit Grobem vermählt;
Und verächtlicher nichts als die Moral der Dämonen
In dem Munde des Volks, dem noch die
Menschlichkeit fehlt.


Der Philosoph und der Schwärmer

Jener steht auf der Erde, doch schauet das Auge zum
Himmel,
Dieser, die Augen im Kot, recket die Beine hinauf.


Das irdische Bündel

Himmelan flögen sie gern, doch hat auch der Körper
sein Gutes,
Und man packt es geschickt hinten dem Seraph
noch auf.


Der wahre Grund

Was sie im Himmel wohl suchen, das, Freunde, will
ich euch sagen:
Vorderhand suchen sie nur Schutz vor der
höllischen Glut.




Die Triebfedern

Immer treibe die Furcht den Sklaven mit eisernem
Stabe,
Freude, führe du mich immer an rosigtem Band.


An die Mystiker

Das ist eben das wahre Geheimnis, das allen vor
Augen
Liegt, euch ewig umgibt, aber von keinem gesehn.


Licht und Farbe

Wohne, du ewiglich Eines, dort bei dem ewiglich
Einen,
Farbe, du wechselnde, komm freundlich zum
Menschen herab.




Wahrheit

Eine nur ist sie für alle, doch siehet sie jeder
verschieden;
Daß es eines doch bleibt, macht das Verschiedene
wahr.


Schönheit

Schönheit ist ewig nur Eine, doch mannigfach
wechselt das Schöne,
Daß es wechselt, das macht eben das Eine nur
schön.


Aufgabe

Keiner sei gleich dem andern, doch gleich sei jeder
dem Höchsten.
Wie das zu machen? Es sei jeder vollendet in sich.




Bedingung

Ewig strebst du umsonst, dich dem Göttlichen ähnlich
zu machen,
Hast du das Göttliche nicht erst zu dem Deinen
gemacht.


Das eigne Ideal

Allen gehört, was du denkst, dein eigen ist nur, was
du fühlest,
Soll er dein Eigentum sein, fühle den Gott, den du
denkst.


Schöne Individualität

Einig sollst du zwar sein, doch eines nicht mit dem
Ganzen,
Durch die Vernunft bist du eins, einig mit ihm
durch das Herz.
Stimme des Ganzen ist deine Vernunft, dein Herz bist
du selber,
Wohl dir, wenn die Vernunft immer im Herzen dir
wohnt.

Der Vorzug

Über das Herz zu siegen, ist groß, ich verehre den
Tapfern,
Aber wer durch sein Herz sieget, er gilt mir doch
mehr.


Die Erzieher

Bürger erzieht ihr der sittlichen Welt; wir wollten
euch loben,
Stricht ihr sie nur nicht zugleich aus der
empfindenden aus.


Die Mannigfaltigkeit

Viele sind gut und verständig, doch zählen für einen
nur alle,
Denn sie regiert der Begriff, ach! nicht das liebende
Herz.
Traurig herrscht der Begriff, aus tausendfach
spielenden Formen
Bringet er dürftig und leer immer nur eine hervor.
Aber von Leben rauscht es und Lust, wo liebend die
Schönheit
Herrschet, das ewige Eins wandelt sie tausendfach
neu.


Das Göttliche

Wäre sie unverwelklich, die Schönheit, ihr könnte
nichts gleichen,
Nichts, wo die Göttliche blüht, weiß ich der
Göttlichen gleich.
Ein Unendliches ahndet, ein Höchstes erschafft die
Vernunft sich,
In der schönen Gestalt lebt es dem Herzen, dem
Blick.


Verstand

Bilden wohl kann der Verstand, doch der tote kann
nicht beseelen,
Aus dem Lebendigen quillt alles Lebendige nur.




Phantasie

Schaffen wohl kann sie den Stoff, doch die wilde kann
nicht gestalten,
Aus dem Harmonischen quillt alles Harmonische
nur.


Dichtungskraft

Daß dein Leben Gestalt, dein Gedanke Leben
gewinne,
Laß die belebende Kraft stets auch die bildende
sein.


Der Genius

Wiederholen zwar kann der Verstand, was da schon
gewesen,
Was die Natur gebaut, bauet er wählend ihr nach.
Über Natur hinaus baut die Vernunft, doch nur in das
Leere,
Du nur, Genius, mehrst in der Natur die Natur.



Der Nachahmer und der Genius

Gutes aus Gutem, das kann jedweder Verständige
bilden,
Aber der Genius ruft Gutes aus Schlechtem hervor.
An Gebildetem nur darfst du, Nachahmer, dich üben,
Selbst das Gebildete ist Stoff nur dem bildenden
Geist.


Genialität

Wodurch gibt sich der Genius kund? Wodurch sich
der Schöpfer
Kundgibt in der Natur, in dem unendlichen All.
Klar ist der Äther und doch von unergründlicher
Tiefe,
Offen dem Aug, dem Verstand bleibt er doch ewig
geheim.




Witz und Verstand

Der ist zu furchtsam, jener zu kühn; nur dem Genius
ward es,
In der Nüchternheit kühn, fromm in der Freiheit zu
sein.


Aberwitz und Wahnwitz

Überspringt sich der Witz, so lachen wir über den
Toren,
Gleitet der Genius aus, ist er dem Rasenden gleich.


Der Unterschied

Lächelnd sehn wir den Tänzer auf glatter Ebene
straucheln,
Aber auf ernstlichem Seil wer mag den
Schwindelnden sehn?




Die schwere Verbindung

Warum will sich Geschmack und Genie so selten
vereinen?
Jener fürchtet die Kraft, dieses verachtet den Zaum.


Korrektheit

Frei von Tadel zu sein, ist der niedrigste Grad und der
höchste,
Denn nur die Ohnmacht führt oder die Größe dazu.


Lehre an den Kunstjünger

Daß du der Fehler schlimmsten, die Mittelmäßigkeit,
meidest,
Jüngling, so meide doch ja keinen der andern zu
früh!




Das Mittelmäßige und das Gute

Willst du jenem den Preis verschaffen, zähle die
Fehler,
Willst du dieses erhöhn, zähle die Tugenden ab.


Das Privilegium

Blößen gibt nur das Reiche dem Tadel, am Werke der
Armut
Ist nichts Schlechtes, es ist Gutes daran nichts zu
sehn.


Die Sicherheit

Nur das feurige Roß, das mutige, stürzt auf der
Rennbahn,
Mit bedächtigem Paß schreitet der Esel daher.




Das Naturgesetz

So wars immer, mein Freund, und so wirds bleiben.
Die Ohnmacht
Hat die Regel für sich, aber die Kraft den Erfolg.


Vergebliches Geschwätz

Fortzupflanzen die Welt sind alle vernünftgen
Diskurse
Unvermögend, durch sie kommt auch kein
Kunstwerk hervor.


Genialische Kraft

Alle Schöpfung ist Werk der Natur. Von Jupiters
Throne
Zuckt der allmächtige Strahl, nährt und erschüttert
die Welt.
Pflanzet über die Häuser die leitenden Spitzen und
Ketten,
Über die ganze Natur wirkt die allmächtige Kraft.



Delikatesse im Tadel

Was heißt zärtlicher Tadel? Der deine Schwäche
verschonet?
Nein, der deinen Begriff von dem Vollkommenen
stärkt.


Wahl

Kannst du nicht allen gefallen durch deine Tat und
dein Kunstwerk,
Mach es wenigen recht; vielen gefallen ist
schlimm.


Sprache

Warum kann der lebendige Geist dem Geist nicht
erscheinen?
Spricht die Seele, so spricht ach! schon die Seele
nicht mehr.




An den Dichter

Laß die Sprache dir sein, was der Körper den
Liebenden; er nur
Ists, der die Wesen trennt und der die Wesen
vereint.


Der Meister

Jeden anderen Meister erkennt man an dem, was er
ausspricht,
Was er weise verschweigt, zeigt mir den Meister
des Stils.


Dilettant

Weil ein Vers dir gelingt in einer gebildeten Sprache,
Die für dich dichtet und denkt, glaubst du schon
Dichter zu sein.




Der berufene Richter

Wer ist zum Richter bestellt? Nur der Bessere? Nein,
wem das Gute
Über das Beste noch gilt, der ist zum Richter
bestellt.


Der berufene Leser

Welchen Leser ich wünsche? Den unbefangensten,
der mich,
Sich und die Welt vergißt und in dem Buche nur
lebt.


An****

Du vereinigest jedes Talent, das den Autor vollendet,
O entschließe dich, Freund, nichts als ein Leser zu
sein.



Das Mittel

Willst du in Deutschland wirken als Autor, so triff sie
nur tüchtig,
Denn zum Beschauen des Werks finden sich
wenige nur.


Die Unberufenen

Tadeln ist leicht, erschaffen so schwer; ihr Tadler des
Schwachen,
Habt ihr das Treffliche denn auch zu belohnen ein
Herz?


Die Belohnung

Was belohnet den Meister? Der zart antwortende
Nachklang
Und der reine Reflex aus der begegnenden Brust.




Das gewöhnliche Schicksal

Hast du an liebender Brust das Kind der Empfindung
gepfleget,
Einen Wechselbalg nur gibt dir der Leser zurück.


Der Weg zum Ruhme

Glücklich nenn ich den Autor, der in der Höhe den
Beifall
Findet, der deutsche muß nieder sich bücken dazu.


Bedeutung

»Was bedeutet dein Werk?« so fragt ihr den Bildner
des Schönen.
Frager, ihr habt nur die Magd, niemals die Göttin
gesehn.




An die Moralisten

Lehret! das ziemet euch wohl, auch wir verehren die
Sitte,
Aber die Muse läßt sich nicht gebieten von euch.
Nicht von dem Architekt erwart ich melodische
Weisen,
Und, Moralist, von dir nicht zu dem Epos den Plan.
Vielfach sind die Kräfte des Menschen, o daß sich
doch jede
Selbst beherrsche, sich selbst bilde zum
herrlichsten aus!


An die Muse

Nimm dem Prometheus die Fackel, o Muse, belebe
die Menschen,
Nimm sie dem Amor und rasch quäl und beglücke
wie er.




Die Kunstschwätzer

Gutes in Künsten verlangt ihr? Seid ihr denn würdig
des Guten,
Das nur der ewige Krieg gegen euch selber
erzeugt?


Deutsche Kunst

Gabe von oben her ist, was wir Schönes in Künsten
besitzen,
Wahrlich, von unten herauf bringt es der Grund
nicht hervor.
Muß der Künstler nicht selbst den Schößling von
außen sich holen?
Nicht aus Rom und Athen borgen die Sonne, die
Luft?


Tote Sprachen

Tote Sprachen nennt ihr die Sprache des Flaccus und
Pindar,
Und von beiden nur kommt, was in der unsrigen
lebt!

Deutscher Genius

Ringe, Deutscher, nach römischer Kraft, nach
griechischer Schönheit!
Beides gelang dir, doch nie glückte der gallische
Sprung.


Guter Rat

Freunde, treibet nur alles mit Ernst und Liebe, die
beiden
Stehen dem Deutschen so schön, den ach! so vieles
entstellt.

Vielen


Auf, ihr Distichen, frisch! ihr muntern lebendigen
Knaben,
Reich ist Garten und Feld! Blumen zum Kranze
herbei!


Mannigfaltigkeit

Reich ist an Blumen die Flur, doch einige sind nur
dem Auge,
Andre dem Herzen nur schön; wähle dir, Leser, nun
selbst.


L. B.

Rosenknospe, du bist dem blühenden Mädchen
gewidmet,
Die als die Herrlichste sich, als die Bescheidenste
zeigt.




C. G.

Viele Veilchen binde zusammen! Das Sträußchen
erscheinet
Erst als Blume; du bist, häusliches Mädchen,
gemeint.


L. D.

Eine kannt ich, sie war wie die Lilie schlank, und ihr
Stolz war
Unschuld, herrlicher hat Salomo keine gesehn.


H. W.

Schön erhebt sich der Aglei und senkt das Köpfchen
herunter.
Ist es Gefühl? Oder ists Mutwill? Wir wissen es
nicht.




N. Z. S. O. A. D.

Viele duftende Glocken, o Hyazinthe, bewegst du,
Aber die Glocken ziehn, wie die Gerüche, nicht an.


A. L.

Nachtviole, dich geht man am blendenden Tage
vorüber,
Doch bei der Nachtigall Schlag hauchest du
köstlichen Geist.


Tuberose

Unter der Menge strahlest du vor, du ergötzest im
Freien,
Aber bleibe vom Haupt, bleibe vom Herzen mir
fern.



Klatschrose

Weit von fern erblick ich dich schon, doch komm ich
dir näher,
Ach! so seh ich zu bald, daß du die Rose nur lügst.


A. F. K. N. H. D.

Tulpen! ihr werdet gescholten von sentimentalischen
Kennern,
Aber ein lustiger Sinn wünscht auch ein lustiges
Blatt.


W. R. L. K. W. I.

Nelken! wie find ich euch schön! Doch alle gleicht ihr
einander,
Unterscheidet euch kaum, und ich entscheide mich
nicht.




Geranium

Prangt mit den Farben Aurorens, Ranunkeln, Tulpen
und Asters,
Hier ist ein dunkles Blatt, das euch an Dufte
beschämt.


Ranunkeln

Keine lockt mich von euch, ich möchte zu keiner mich
wenden,
Aber im Beete vermischt, sieht euch das Auge mit
Lust.


M. R.

Sagt! was füllet das Zimmer mit Wohlgerüchen?
Reseda,
Farblos, ohne Gestalt, stilles und zierliches Kraut.




Kornblume

Zierde wärst du der Gärten, doch wo du erscheinest,
da sagst du:
Ceres streute mich selbst aus mit der goldenen
Saat.


C. F.

Deine liebliche Kleinheit, dein holdes Auge, sie sagen
Immer: Vergiß mein nicht! immer: Vergiß nur nicht
mein!


L. W.

Schwänden dem inneren Auge die Bilder sämtlicher
Blumen,
Eleonore, dein Bild brächte das Herz sich hervor.

Einer

Grausam handelt Amor mit mir! O! spielet, ihr
Musen,
Mit den Schmerzen, die er, spielend, im Busen
erregt.
Manuskripte besitz ich wie kein Gelehrter noch
König,
Denn mein Liebchen, sie schreibt, was ich ihr
dichtete, mir.
Wie im Winter die Saat nur langsam keimet, im
Frühling
Lebhaft treibet und schoßt, so war die Neigung zu
dir.
Immer war mir das Feld und der Wald und der Fels
und die Gärten
Nur ein Raum, und du machst sie, Geliebte, zum
Ort.

Raum und Zeit, ich empfind es, sind bloße Formen
des Denkens,
Da das Eckchen mit dir, Liebchen, unendlich mir
scheint.
Sorge! sie steiget mit dir zu Pferde, sie steiget zu
Schiffe,
Viel zudringlicher noch packet sich Amor mir auf.
Schwer zu besiegen ist schon die Neigung, gesellet
sich aber
Gar die Gewohnheit zu ihr, unüberwindlich ist sie.
Welche Schrift ich zweimal, ja dreimal hintereinander
Lese? Das herzliche Blatt, das die Geliebte mir
schreibt.
Wer mich entzückt, vermag mich zu täuschen. Oh!
Dichter und Sänger,
Mimen! lerntet ihr doch meiner Geliebten was ab.
Alle Freude des Dichters, ein gutes Gedicht zu
erschaffen,
Fühle das liebliche Kind, das ihn begeisterte, mit.
Ein Epigramm sei zu kurz, mir etwas Herzlichs zu
sagen?
Wie, mein Geliebter, ist denn nicht noch viel
kürzer der Kuß?
Kennst du den herrlichen Gift der unbefriedigten
Liebe?
Er versengt und erquickt, zehret am Mark und
erneuts.
Kennst du die herrliche Wirkung der endlich
befriedigten Liebe?
Körper verbindet sie schön, wenn sie die Geister
befreit.
Das ist die wahre Liebe, die immer und immer sich
gleich bleibt,
Wenn man ihr alles gewährt, wenn man ihr alles
versagt.
Alles wünscht ich zu haben, um mit ihr alles zu
teilen,
Alles gäb ich dahin, wär sie, die Einzige, mein.
Kränken ein liebendes Herz und schweigen müssen!
Geschärfter
Können die Qualen nicht sein, die Rhadamant sich
ersinnt.
Warum bin ich vergänglich? o Zeus! so fragte die
Schönheit.
Macht dich doch, sagte der Gott, nur das
Vergängliche schön.
Und die Liebe, die Blumen, der Tau und die Jugend
vernahmens,
Alle gingen sie weg, weinend, von Jupiters Thron.
Leben muß man und lieben! Es endet Leben und
Liebe!
Schnittest du, Parze, doch nur beide die Fäden
zugleich.

Xenien


Triste supercilium, durique severa Catonis
Frons et aratoris filia Fabricii
Et personati fastus et regula morum,
Quidquid et in tenebris non sumus, ite
foras.


Der ästhetische Torschreiber

»Halt, Passagiere! Wer seid ihr, Wes Standes und
Charakteres?
Niemand passieret hier durch, bis er den Paß mir
gezeigt.«


Xenien

Distichen sind wir. Wir geben uns nicht für mehr
noch für minder.
Sperre du immer, wir ziehn über den Schlagbaum
hinweg.



Visitator

»Öffnet die Koffers! Ihr habt doch nichts
Kontrebandes geladen?
Gegen die Kirche? den Staat? Nichts von
französischem Gut?«


Xenien

Koffers führen wir nicht. Wir führen nicht mehr, als
zwei Taschen
Tragen, und die, wie bekannt, sind bei Poeten nicht
schwer.


Der Mann mit dem Klingelbeutel

»Messieurs! Es ist der Gebrauch: wer diese Straße
bereiset,
Legt für die Dummen was, für die Gebrechlichen
ein.«




Helf Gott!

Das verwünschte Gebettel! Es haben die vorderen
Kutschen
Reichlich für uns mit bezahlt. Geben nichts.
Kutscher, fahr zu!


Der Glückstopf

Hier ist Messe, geschwind, packt aus und schmücket
die Bude,
Kommt, Autoren, und zieht, jeder versuche sein
Glück!


Die Kunden

»Wenige Treffer sind gewöhnlich in solchen Butiken,
Doch die Hoffnung treibt frisch und die Neugier
herbei.«

***




Das Widerwärtige

Dichter und Liebende schenken sich selbst, doch
Speise voll Ekel!
Dringt die gemeine Natur sich zum Genusse dir
auf!


Das Desideratum

Hättest du Phantasie und Witz und Empfindung und
Urteil,
Wahrlich, dir fehlte nicht viel, Wieland und
Lessing zu sein!


An einen gewissen moralischen Dichter

Ja, der Mensch ist ein ärmlicher Wicht, ich weiß -
doch das wollt ich
Eben vergessen und kam, ach wie gereut michs, zu
dir.




Das Verbindungsmittel

Wie verfährt die Natur, um Hohes und Niedres im
Menschen
Zu verbinden? Sie stellt Eitelkeit zwischenhinein.


Für Töchter edler Herkunft

Töchtern edler Geburt ist dieses Werk zu empfehlen,
Um zu Töchtern der Lust schnell sich befördert zu
sehn.


Der Kunstgriff

Wollt ihr zugleich den Kindern der Welt und den
Frommen gefallen?
Malet die Wollust - nur malet den Teufel dazu.




Der Teleolog

Welche Verehrung verdient der Weltenschöpfer, der
gnädig,
Als er den Korkbaum schuf, gleich auch die
Stöpsel erfand!


Der Antiquar

Was ein christliches Auge nur sieht, erblick ich im
Marmor:
Zeus und sein ganzes Geschlecht grämt sich und
fürchtet den Tod.


Der Kenner

Alte Vasen und Urnen! Das Zeug wohl könnt ich
entbehren;
Doch ein Majolikatopf machte mich glücklich und
reich.




Erreurs et Verité

Irrtum wolltest du bringen und Wahrheit, o Bote, von
Wandsbeck;
Wahrheit, sie war dir zu schwer; Irrtum, den
brachtest du fort!


H. S.

Auf das empfindsame Volk hab ich nie was gehalten,
es werden,
Kommt die Gelegenheit, nur schlechte Gesellen
daraus.


Der Prophet

Schade, daß die Natur nur einen Menschen aus dir
schuf,
Denn zum würdigen Mann war und zum Schelmen
der Stoff.




Das Amalgama

Alles mischt die Natur so einzig und innig, doch hat
sie
Edel- und Schalksinn hier, ach! nur zu innig
vermischt.


Der erhabene Stoff

Deine Muse besingt, wie Gott sich der Menschen
erbarmte,
Aber ist das Poesie, daß er erbärmlich sie fand?


Belsazer ein Drama

König Belsazer schmaust in dem ersten Akte, der
König
Schmaust in dem zweiten, es schmaust fort bis zu
Ende der Fürst.




Gewisse Romanhelden

Ohne das mindeste nur dem Pedanten zu nehmen,
erschufst du,
Künstler wie keiner mehr ist, einen vollendeten
Geck.


Pfarrer Cyllenius

Still doch von deinen Pastoren und ihrem
Zofenfranzösisch,
Auch von den Zofen nichts mehr mit dem
Pastorenlatein!


Jamben

Jambe nennt man das Tier mit einem kurzen und
langen
Fuß, und so nennst du mit Recht Jamben das
hinkende Werk.




Neuste Schule

Ehmals hatte man einen Geschmack. Nun gibt es
Geschmäcke,
Aber sagt mir, wo sitzt dieser Geschmäcke
Geschmack?


An deutsche Baulustige

Kamtschadalisch lehrt man euch bald die Zimmer
verzieren,
Und doch ist manches bei euch schon
kamtschadalisch genug.


Affiche

Stille kneteten wir Salpeter, Kohlen und Schwefel,
Bohrten Röhren, gefall nun auch das Feuerwerk
euch!



Zur Abwechslung

Einige steigen als leuchtende Kugeln, und andere
zünden,
Manche auch werfen wir nur spielend, das Aug zu
erfreun.


Der Zeitpunkt

Eine große Epoche hat das Jahrhundert geboren,
Aber der große Moment findet ein kleines
Geschlecht.


Goldnes Zeitalter

Ob die Menschen im ganzen sich bessern; Ich glaub
es, denn einzeln -
Suche man, wie man auch will - sieht man doch gar
nichts davon.




Manso von den Grazien

Hexen lassen sich wohl durch schlechte Sprüche
zitieren,
Aber die Grazie kommt nur auf der Grazie Ruf.


Tassos Jerusalem, von demselben

Ein asphaltischer Sumpf bezeichnet hier noch die
Stätte,
Wo Jerusalem stand, das uns Torquato besang.


Die Kunst zu lieben

Auch zum Lieben bedarfst du der Kunst?
Unglücklicher Manso,
Daß die Natur auch nichts, gar nichts für dich noch
getan!




Der Schulmeister zu Breslau

In langweiligen Versen und abgeschmackten
Gedanken
Lehrt ein Präzeptor uns hier, wie man gefällt und
verführt.


Amor als Schulkollege

Was das entsetzlichste sei von allen entsetzlichen
Dingen?
Ein Pedant, den es jückt, locker und lose zu sein.


Der zweite Ovid

Armer Naso, hättest du doch wie Manso geschrieben,
Nimmer, du guter Gesell, hättest du Tomi gesehn.




Das Unverzeihliche

Alles kann mißlingen, wir könnens ertragen,
vergeben;
Nur nicht, was sich bestrebt, reizend und lieblich
zu sein.


Prosaische Reimer

Wieland, wie reich ist dein Geist! Das kann man nun
erst empfinden,
Sieht man, wie fad und wie leer dein caput
mortuum ist.


Jean Paul Richter

Hieltest du deinen Reichtum nur halb so zu Rate wie
jener
Seine Armut, du wärst unsrer Bewunderung wert.




An seinen Lobredner

Meinst du, er werde größer, wenn du die Schultern
ihm leihest?
Er bleibt klein wie zuvor, du hast den Höcker
davon.


Feindlicher Einfall

Fort ins Land der Philister, ihr Füchse mit brennenden
Schwänzen,
Und verderbet der Herrn reife papierene Saat!


Nekrolog

Unter allen, die von uns berichten, bist du mir der
liebste,
Wer sich lieset in dir, liest dich zum Glücke nicht
mehr.




Bibliothek schöner Wissenschaften

Jahrelang schöpfen wir schon in das Sieb und brüten
den Stein aus,
Aber der Stein wird nicht warm, aber das Sieb wird
nicht voll.


Dieselbe

Invaliden Poeten ist dieser Spittel gestiftet,
Gicht und Wassersucht wird hier von der
Schwindsucht gepflegt.


Die neuesten Geschmacksrichter

Dichter, ihr Armen, was müßt ihr nicht alles hören,
damit nur
Sein Exerzitium schnell lese gedruckt der Student!




An Schwätzer und Schmierer

Treibet das Handwerk nur fort, wir könnens euch
freilich nicht legen,
Aber ruhig, das glaubt, treibt ihr es künftig nicht
mehr.


Guerre ouverte

Lange neckt ihr uns schon, doch immer heimlich und
tückisch,
Krieg verlangtet ihr ja, führt ihn nun offen, den
Krieg!


An gewisse Kollegen

Mögt ihr die schlechten Regenten mit strengen
Worten verfolgen,
Aber schmeichelt doch auch schlechten Autoren
nicht mehr!




An die Herren N. O. P.

Euch bedaur ich am meisten, ihr wähltet gerne das
Gute,
Aber euch hat die Natur gänzlich das Urteil
versagt.


Der Kommissarius des Jüngsten Gerichts

Nach Kalabrien reist er, das Arsenal zu besehen,
Wo man die Artillerie gießt zu dem Jüngsten
Gericht.


Kant und seine Ausleger

Wie doch ein einziger Reicher so viele Bettler in
Nahrung
Setzt! Wenn die Könige baun, haben die Kärrner
zu tun.




J-b

Steil wohl ist er, der Weg zur Wahrheit, und
schlüpfrig zu steigen,
Aber wir legen ihn doch nicht gern auf Eseln
zurück.


Die Stockblinden

Blinde, weiß ich wohl, fühlen und Taube sehen viel
schärfer,
Aber mit welchem Organ philosophiert denn das
Volk?


Analytiker

Ist denn die Wahrheit ein Zwiebel, von dem man die
Häute nur abschält?
Was ihr hinein nicht gelegt, ziehet ihr nimmer
heraus.




Der Geist und der Buchstabe

Lange kann man mit Marken, mit Rechenpfennigen
zahlen,
Endlich, es hilft nichts, ihr Herrn, muß man den
Beutel doch ziehn.


Wissenschaftliches Genie

Wird der Poet nur geboren? Der Philosoph wirds
nicht minder,
Alle Wahrheit zuletzt wird nur gebildet, geschaut.


Die bornierten Köpfe

Etwas nützet ihr doch: die Vernunft vergißt des
Verstandes
Schranken so gern, und die stellet ihr redlich uns
dar.




Bedientenpflicht

Rein zuerst sei das Haus, in welchem die Königin
einzieht;
Frisch denn, die Stuben gefegt! Dafür, ihr Herrn,
seid ihr da.


Ungebühr

Aber, erscheint sie selbst, hinaus vor die Türe,
Gesinde!
Auf den Sessel der Frau pflanze die Magd sich
nicht hin.


Wissenschaft

Einem ist sie die hohe, die himmlische Göttin, dem
andern
Eine tüchtige Kuh, die ihn mit Butter versorgt.




An Kant

Vornehm nennst du den Ton der neuen Propheten?
Ganz richtig,
Vornehm philosophiert heißt wie Rotüre gedacht.


Der kurzweilige Philosoph

Eine spaßhafte Weisheit doziert hier ein lustiger
Doktor,
Bloß dem Namen nach Ernst, und in dem
lustigsten Saal.


Verfehlter Beruf

Schade, daß ein Talent hier auf dem Katheder
verhallet,
Das auf höherm Gerüst hätte zu glänzen verdient.




Das philosophische Gespräch

Einer, das höret man wohl, spricht nach dem andern,
doch keiner
Mit dem andern; wer nennt zwei Monologen
Gespräch?


Das Privilegium

Dichter und Kinder, man gibt sich mit beiden nur ab,
um zu spielen.
Nun, so erboset euch nicht, wird euch die Jugend
zu laut.

***

LITERARISCHER ZODIAKUS

Jetzo, ihr Distichen, nehmt euch zusammen, es tut
sich der Tierkreis
Grauend euch auf; mir nach, Kinder! wir müssen
hindurch.




Zeichen des Widders

Auf den Widder stoßt ihr zunächst, den Führer der
Schafe,
Aus dem Dykischen Pferch springet er trotzig
hervor.


Zeichen des Stiers

Nebenan gleich empfängt euch sein Namensbruder;
mit stumpfen
Hörnern, weicht ihr nicht aus, stößt euch der
HallischeOchs.


Zeichen des Fuhrmanns

Alsobald knallet in G** des Reiches würdiger
Schwager,
Zwar er nimmt euch nicht mit, aber er fährt doch
vorbei.




Zeichen der Zwillinge

Kommt ihr den Zwillingen nah, so sprecht nur:
Gelobet sei J -
C -! »In Ewigkeit« gibt man zum Gruß euch
zurück.


Zeichen des Bärs

Nächst daran strecket der Bär zu K** die bleiernen
Tatzen
Gegen euch aus, doch er fängt euch nur die Fliegen
vom Kleid.


Zeichen des Krebses

Geht mir dem Krebs in B*** aus dem Weg! Manch
lyrisches Blümchen,
Schwellend in üppigem Wuchs, kneipte die Schere
zu Tod.




Zeichen des Löwen

Jetzo nehmt euch in acht vor dem wackern
Eutinischen Leuen,
Daß er mit griechischem Zahn euch nicht verwunde
den Fuß.


Zeichen der Jungfrau

Bücket euch, wie sichs geziemt, vor der zierlichen
Jungfrau zu Weimar,
Schmollt sie auch oft - wer verzeiht Launen der
Grazie nicht?


Zeichen des Raben

Vor dem Raben nur sehet euch vor, der hinter ihr
krächzet,
Das nekrologische Tier setzt auf Kadaver sich nur.




Locken der Berenice

Sehet auch, wie ihr in S*** den groben Fäusten
entschlüpfet,
Die Berenices Haar striegeln mit eisernem Kamm.


Zeichen der Waage

Jetzo wäre der Ort, daß ihr die Waage beträtet,
Aber dies Zeichen ward längst schon am Himmel
vermißt.


Zeichen des Skorpions

Aber nun kommt ein böses Insekt aus G - b - n her,
Schmeichelnd naht es, ihr habt, flieht ihr nicht
eilig, den Stich.




Ophiuchus

Drohend hält euch die Schlang jetzt Ophiuchus
entgegen,
Fürchtet sie nicht! es ist nur der getrocknete Balg.


Zeichen des Schützen

Seid ihr da glücklich vorbei, so naht euch dem
zielenden Hofrat
Schütz nur getrost, er liebt und er versteht auch den
Spaß.


Gans

Laßt sodann ruhig die Gans in L*** g und G** a
gagagen!
Die beißt keinen, es quält nur ihr Geschnatter das
Ohr.




Zeichen des Steinbocks

Im Vorbeigehn stutzt mir den alten Berlinischen
Steinbock,
Das verdrießt ihn, so gibts etwas zu lachen fürs
Volk.


Zeichen des Pegasus

Aber seht ihr in B**** den Grad ad Parnassum, so
bittet
Höflich ihm ab, daß ihr euch eigene Wege gewählt.


Zeichen des Wassermanns

Übrigens haltet euch ja von dem Dr*** r
Wassermann ferne,
Daß er nicht über euch her gieße den Elbestrom