Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Vor Last und Lärm von

Vor Last und Lärm.

Die frühste Sonne legt sich übers Feld,
Und steigt empor; und schweigend dampft der Morgen.
Aus dem im letzten Traum verstrickten Städtchen
Bin ich dem Tore schon weitab entrückt.
Wen seh' ich dort im nassen Graben liegen?
Ein Bauer, der zuviel getrunken hatte,
Ist hier die Nacht gefallen unter Disteln.
Das linke Knie hat er herangezogen;
Mit offnen Lippen schnarcht der wüste Kerl.
Vorüber - schon verliert sich das Geräusch.
Was ist denn das dort rechts am Meilenstein?
Ein kleiner, weißer Bologneserhund
Mit blutgeröteten Behangesspitzen,
Von tauerweichter Erde arg beschmutzt.
Wie kommt der hierher, frag' ich mich vergebens.
Ist's Tante Minnas süßer Liebling nicht?
Wenn die das wüßte, was Bijou ergötzt:
Er wühlt mit seinem Schnäuzchen emsiglich
Im Eingeweide eines toten Fuchses.
Als ich ihm in die Näh' gekommen, drückt er
Ein Vorderpfötchen auf den Balg des Aases
Und duckt den Kopf und äugt mich mürrisch an;
Sein ganzer Körper bleibt unregbar stehn,
Nur seine Augen folgen meinem Schritt.
Vorüber - lautlos alles noch nud ruhig.
Auf einer Pflugschar gleißt im grellsten Weiß
Das Taggestirn, als brennte dort sich's fest.
Da schallt der erste Ton, vom Lager klingt er,
Das meinem Blick zwei Meilen abseits leuchtet.
Unendlich schwach hör' ich die Trommeln wirbeln,
Die Hörner: Habt - ihr noch - nicht lang - genug -
Geschla - - - fen.

Die Straße, die mein Fuß lebendig geht,
Zieht sich in schnurgerader Linie hin,
Auf zehn Minuten hab' ich Übersicht.
Just, wo für mich der Weg den Anfang nimmt,
Erscheint ein Punkt, der größer wird und größer.
Hurra! Sie ist's! Hurra, hurra! Sie ist's!
Rasch zieh' und hastig ich mein Taschentuch
Und winke, und ein Fähnchen zeigt sich auch
In ihrer Hand; und muntrer greif' ich aus.
An meinen Stock knüpf' ich das Banner an,
Und an den Sonnenschirm das ihre sie.
Und nun ein Hin und Her, ein Schwenken, Kreisen,
Als wollten Tauben wir vom Dache scheuchen.
Indessen trommelt's immer fort: Wacht auf;
Und tutet: Habt - ihr noch - nicht lang - genug -
Geschla - - - fen.

Mein Antlitz glüht in freudigster Erwartung,
Die Kehle ist mir fast wie zugeschnürt,
Wie schlägt mein Herz, wie atmet meine Brust.

Nun sind wir sprechweit nah, und dann, und dann,
Wie sonderbar, verkürzt sich unsre Eile.
Sind wir beschämt? Auf ihren Wangen flog
Ein Purpur hin wie schneller Wolkenschatten.
Nun lächelt sie. Das Köpfchen biegt sich etwas
Nach rechts und rückwärts; ja, und dann, und dann -

Indessen brechen Horn und Trommel ab -
Stumm wie der mönchverlaßne Klostergang
Liegt rings um uns des Morgens heilige Stille.