Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Gebet um Reinheit von

Gebet um Reinheit.

Nun wieder, mein Vater, ist kommen die Nacht, die alte, immergleiche.
Sie durchschreitet uns all die Wunderblinden mitten im Wunder.
Und die Stunde ist da, wo die Menschen, unwissend des tiefen Zeichens,
Vor ihr Wasser treten, den Kopf eintauchen und die beschmutzten Hände spülen.

O heilig Wasser der Erde, doppelt bestimmt zu tränken und zu reinigen!
O mein Gott, o mein Vater, heilig Wasser der Geisterwelt!
Ist nicht meine Sehnsucht nach deiner Kühle Gewähr, daß du springst und spülst,
Ist nicht mein Zweifel noch das Hinlauschen nach deinem süßen Gefälle?

Ich senke meinen Kopf und tauche ihn in die Feuchte des Lampenkreises.
Ich halte dir meine beschmutzten Hände hin, wie ein Kind, das am Abend der Waschung wartet.
Nach einem lügnerischen Tage will ich mich sammeln, um in dieser Spanne wahr zu sein.
Ich will mich in meiner Hürde zusammendrängen, bis das Geheul meiner Eitelkeit verstummt.

Dein Psalmist, mein Vater, hat wider seine Feinde gesungen,
Und ich, mein Vater, folge ihm und singe einen Psalm hier wider meinen Feind!
Ach, ich habe keine Feinde, denn wir Menschen lieben einander nicht einmal so sehr,
um uns Feinde zu sein.
Aber ich habe einen Feind, einen gewaltigen Feind,
der mich berennt und an alle meine Tore pocht.

Ich habe einen Feind, mein Vater, der an meinem Tisch sitzt und Völlerei treibt,
Während ich meine verdorrten Hände falte und darbe, und sich am Fenster die Hungrigen drängen.
Ich habe einen Feind, der aufstoßend nach der Mahlzeit seine Zigarre raucht und fett wird,
Während ich immer geringer werde und zusehn muß, wie er das Gut meiner Seele verpraßt.

Ich habe einen Feind, mein Vater, der meine edle Rede in Geschwätz verkehrt
und in Selbstbetrug.
Ich habe einen Feind, der mein Gewissen liebedienerisch
macht, und meine Liebe mit Trägheit erstickt.
Ich habe einen Feind, der mich zu jeder Niedrigkeit
verleitet, zur Wollust des Sieges an den Spieltischen,
Der ich doch ein Meister der göttlichen Genüsse bin.

Warum hast du mich mit diesem Feind erschaffen, mein
Vater, warum mich zu dieser Zwieheit gemacht?
Warum gabst du mir nicht Einheit und Reinheit?
Reinige, einige mich, o du Gewässer!
Siehe, es wehklagen all deine wissenden Kinder seit
eh und je über die Zahl Zwei.
Ich tauche meinen Kopf ins Licht und halte dir meine Hände hin zur Waschung.

Befreie mich, reinige mich, mein Vater, töte diesen
Feind, töte mich, ertränke diesen Mich!
Wie selig sind die Einfachen, die Unwissenden, selig
die einfach Guten, selig die einfach Bösen!
Aber unselig, unselig die Entzweiten, die Zwiefachen,
die zu- und abnehmenden Gegenspieler.
O heilig Gewässer, um dein und meiner Größe willen,
hilf mir!