Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Winter von

Winter.

Ein morscher Kahn. Vereist. Zwei Raben hüpfen
Auf seinem Rand umher und krächzen heiser
Das Lied des Todes in das weiße Land.
Fern, aus verschneiten Wäldern, Wolfsgebell.
Im Nebel über starrem Meere schwimmt
Die strahlenlose Sonne, gelb und schaurig.
Landher, aus schneeverwehten Hügeln, naht
Barhäuptig, schnellen Schritts, mit glühenden Wangen
Ein Mann, der trägt, vom Wege aufgerafft,
Vom Felde, einen plumpen Stein in Händen,
Schmutzig, umkrustet von gefrornem Schnee,
Und singt ein Lied, ein wirres, wildes Lied:

Wollt ihr mein Herz, mein heißes Herz nicht haben?
Ich will es euch ja schenken.
Müßt ihr vor solchen heiligen Liebesgaben
Euch noch bedenken?

Ist niemand denn an allen weiten Wegen,
Im Sommerland, am Winterstrand,
Dem ich's in seine treue Hand kann legen,
In seine weiche Freundeshand?

Was soll ich denn allein mit meinem Herzen,
Mit meinem heißen Herzen gehn?
Weh! es erlischt. Und könnten tausend Herzen
Sich dran entzünden und in Flammen stehn.

Und wie er singt und schreitet, singt und schreitet,
Scheucht er vom Boot die schwarzen Vögel auf,
Ihr Flug umklatscht ihn, ihr Geschrei umkreischt ihn.
Er achtet's nicht und schreitet grade aus,
Immer den kalten, plumpen Stein in Händen.

Ein Klingen läuft durchs Eis. Im Flugschnee pfeift
Der Fost um seinen Fuß. Und lauter wird
Sein wildes Lied und ringt sich durch den Nebel,
Der ihn umhüllt, verschlingt. Nur dann und wann
Schrillt heiser über seinem Lied der Schrei der Raben.

Und einsam liegt der Strand. Die Sonne sinkt
Erblassend unter in den kalten Dunst,
Und waldher giert das hungrige Geheul
Der Winterwölfe.