Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Abendsegen von

Abendsegen

?Mädchen, hör die Pforte gehen
Leise klirrend durch die Nacht." -
Base, nur die Winde wehen,
Gebt des späten Lärms nicht acht;
An die Fentser streicht der Regen;
Schlafet ein,
Ich allein
Lese noch den Abendsegen.

Ihr Töchter Jerusalems horcht und lauscht:
Mein Freund ist nahe, sein Fußtritt lauscht:
Sei Fußtritt rauscht durch die dämmernde Au,
Die Locke trieft ihm vom nächtlichen Tau.

?Mädchen, hör's zur Treppe schleifen,
Sorglich tasten Schritt vor Schritt." -
Base, nur die Mäuschen pfeifen,
Heimchen pfeift am Herde mit;
An die Fenster streicht der Regen;
Schlafet ein;
Ich allein
Lese noch den Abendsegen.

Ihr Töchter Jerusalems, hört meinen Freund:
Vom Garten, wo purpurn die Feige sich bräunt,
Wo die Traube sich rankt über blumige Zier,
Er kommt, er sucht, er sehnt sich nach mir.

?Mädchen, hör, nun spukt es droben
Tappernd in dein Kämmerlein." -
Base, wenn Gespenster toben,
Wird ein Engel bei mir sein.
An die Fenster streicht der Regen,
Schlafet ein,
Ich allein
Lese noch den Abendsegen.

Mein Freund, mein Geliebter, du Schöner, du Trauter,
Laut schlägt mir das Herze und lauter und lauter,
Allum liegt's im Schlaf, und es wachet kein Licht;
Ihr Wächter von Zion, verratet uns nicht.