Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Wie es geht von

Wie es geht

Sie redeten ihr zu: Er liebt dich nicht,
Er spielt mit dir - da neigte sie das Haupt,
Und Tränen perlten ihr vom Angesicht
Wie Tau von Rosen; o, daß sie's geglaubt!
Denn ls er kam und zweifelnd fand die Braut,
Ward er voll Trotz; nicht trübe wollt' er scheinen,
Er sang und spielte, trank und lachte laut,
Um dann die Nacht hindurch zu weinen.

Wohl pocht' ein guter Engel an ihr Herz:
?Er ist doch treu, gib ihm die Hand, o gib!"
Wohl fühlt' auch er durch Bitterkeit und Schmerz:
?Sie liebt dich doch, sie ist ja doch dein Lieb.
Ein freundlich Wort nur sprich, ein Wort vernimm,
So ist der Zauber, der euch trennt, gebrochen." -
Sie gingen - sahn sich - o, der Stolz ist schlimm
Das eine Wort blieb ungesprochen.

Da schieden sie. Und wie im Münsterchor
Verglimmt der Altarlampe roter Glanz -
Erst wird er matt, dann flackert er empor
Noch einmal hell, und dann verlischt er ganz -
Dann heiß zurückersehnt, und dann - vergessen,
Bis sie zuletzt, es sei ein Wahn, gemeint,
Daß sie sich je dereinst besessen.

Nur manchmal fuhren sie im Mondenlicht
Vom Kissen auf - von Tränen war es naß,
Und naß von Tränen war noch ihr Gesicht;
Geträumet hatten sie - ich weiß nicht was.
Dann dachten sie der alten schönen Zeit
Und an ihr nichtig Zweifeln, an ihr Scheiden,
Und wie sie nun so weit, so ewig weit.
O Gott, vergib, vergib den Beiden!