Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Mondesblick von

Mondesblick

Psalm 139, 12

Kam ich heut am frühen Winterabend
Von den Gängen des Berufs nach Hause,
Fand ich mein vertrautes Arbeitszimmer
Schon in tiefe Dämmerung gehüllt.

Aber schräg herein durch die Gardinen
Schlich vom dunkelklaren Abendhimmel
Geisterhaft in silberblauem Glanze
Sich ein Streifen hellen Mondenscheins;

Traf den Tisch, daran ich heut gesessen,
Und das Buch, das dort noch aufgeschlagen,
Und das Blatt, darauf ich erst geschrieben,
Brachte alles das ins helle Licht.

Und mir ging ein Schauer durch die Seele,
Da ich so vom stillen Mond belauschet,
Während ich vom Hause fern gewesen,
Meines Tags verschwiegne Arbeit sah.

Dünkte mich der Geisterblick des Mondes
Wie der ernste Blick des Vaterauges,
Der des Sohnes Arbeit für die Schule
Prüfend hinter seinem Rücken liest.

Dünkt mich der ernste Mond zu fragen:
Kind, mein Kind, was liesest du für Bücher?
Herz, mein Herz, was hegst du für Gedanken?
Mensch, o Mensch, wie steht's ums Tagewerk?

Darf man's hinter deinem Rücken prüfen?
Darf's der klare Sonnenschein beleuchten?
Darf's der keusche Mondesblick belauschen?
Darf's das heil'ge Auge Gottes sehn?