Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Nach hundet Jahren von

Nach hundert Jahren

An eine Frau

Ein Jahrhundert wird vorübergehn,
Unsre Gräber wird man nicht mehr sehn,
Unsre Namen, was wir tun und wollen,
Alles ist vergessen und verschollen.

Menschen, deren Zorn wir feig gebebt,
Daß wir lieber ihrem Wahn gelebt
Als im Glanz der Wahrheit hinzuwallen,
Sind in Staub gleich unserm Staub zerfallen.

Für den Traum, der nie ein Hoffen fand,
Für das Glück, das ungenossen schwand,
Wird die Welt, der wir's zum Opfer gaben,
Keinen Dank und kein Erinnern haben.

Nichts mehr lebt für uns, selbst nicht der Hohn,
Der da früge, was des Opfers Lohn!
Doch im Reich der Seelen tönt ein Klagen
Um so sündhaft Leiden und Entsagen.

Seelen, die der gleiche Ruf erfaßt,
Wie zwei Blüten auf dem gleichen Ast,
Eine Frucht zu werden der Vollendung,
Trennten sich und logen ihrer Sendung.

Ein Jahrhundert wird vorübergehn,
Was wir opfern, ist umsonst geschehn,
Doch die Geister höh'rer Welten richten
Strafend unser frevelhaft Verzichten.