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Über dem Leben von

Über dem Leben

Im Schlafgemache, während trüb und fahl
Die Schatten um zerwühlte Kissen glitten,
Verstarb ein Mann; und als er ausgelitten
Hob seine Seele sich vom Erdental.
Er hatte stets, hochachtbar, vielbeneidet,
Zum Wohl der Stadt manch Ehrenamt bekleidet;
Drum riefen laut in windzerrissnem Klang
Bald dumpf bald hell, vom finstern nebelnassen
Gewirr der Türme, Schlote, Giebel, Gassen
Die Trauerglocken. Allgemach versank
Des Erdballs Brausen. Schon, auf starken Schwingen
Begann ein großer goldner Ton zu klingen,
Schon wuchs ein Weg, ein fremder, weitgebahnter,
Schon kam ein Duft, ein frischer, ungeahnter
Vom Wellenschaume junger Küstenränder,
Dem Wiegenflaume neu geborner Länder;
Da stand am Weg, in heißem Felsenspalt
Ein schwarzer Seraph, reglos wie Basalt,
Der sprach: nicht ziemt dir Friede, Herzensweide,
Es geht dein Pfad zu langem Büßerleide.

Und es ward Schweigen. Scheu begann der Tote;
Ich hielt doch willig Satzung und Gebote,
Hab Gottesfurcht gepflogen und beteuert,
Zum Kirchenbau manch Scherflein beigesteuert,
War stets ein Freund der Obrigkeit und Sitte,
Hielt stets das Maß, des Lebensweges Mitte,
Bin selbst beim Kaiser angenehm gewesen,
Bin besser nicht noch ärger denn manch andrer,
Was schmälerst du den Ruhelohn, der mein?
Gib frei den Weg, verlaß mich, trüber Wandrer,
Ich kenn dich nicht.

Nein, sprach der Seraph, nein,
Du kennst mich nicht, du hast mich nie gekannt,
Ich bin der Schmerz, der Menschheit Schmerz benannt,
Wohl stand ich oft mit kummerfahlen Wangen
Im Marktgewühl; du bist vorbeigegangen;
Da hilflos ich, verlassen, unbekleidet,
Hast du dein Herz im Schauspielhaus geweidet;
Als mich gewürgt des Hungers hagre Kralle
Hast du, für mich, gespeist beim Armenballe,
Demütig saß ich, zitternd, frostbereift
Vor deinem Tor; kein Blick hat mich gestreift,
Und wagt ich es, zu stören deine Ruhe,
Fiel zögernd mir ein Kupferheller zu.
Du warst kein Held des Liebens noch des Hassens,
Du warst der Mann des lauen Unterlassens,
Drum ziemt dir nicht das bunte Feierkleid;
Es führt dein Pfad seitab zu langem Leid,
Du hast gehört der Menschheit Jammerschrei
Und gingst vorbei.