Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Ver sacrum von

Ver sacrum

Wir saßen am Strande der Syrten,
Es rollte und grollte das Meer,
Ein Duft von Narden und Myrten
Zog tief aus Süden her.

Die Wellen brausen und funkeln,
Doch bäumt sich mein Herz vor Weh,
Wenn ich das große Verdunkeln
Unsres Lebens seh'.

Wir haben die weißen Paläste
Der Träume hochgetürmt,
Wir haben, zwei jubelnde Gäste,
Den Himmel des Glücks erstürmt.

Das mahnt mich an sündige Städte
Voll Lichtgewirr und Samt,
Wo reich aus groldnem Geräte
Der Weihrauch der Luft geflammt.

Da wurde vergeudet, zerrüttet
Der Arbeit Segenstat,
Da wurde der Weizen verschüttet,
Der Jugend heilige Saat.

Da wurde von trunkener Zunge
Manch Hosianna gelacht,
Bis plötzlich mit Raubttiersprunge
Einbrach die Flut bei Nacht.

Versunken im rächenden Meere
Die Städte hochbenannt,
Die Tempel, drin einst Cythere
Im thyrsischen Reigen stand!

Verschwunden die Marmorlöwen,
Die Meisterhand einst schuf –
Nur weiße, raublüsterne Möwen
Kreisen mit hungrigem Ruf.

Die Stadt voll Tempeln und Türmen,
Darüber die Wellen ziehn,
Gleicht unsrer Jugend, in Stürmen
Versunken wie einst Julin.

Wir wollen vom Haupt uns streifen
Der Kränze sengenden Saum,
Das fiebernde Lustergreifen,
Den großen Griechentraum.

Wir wollen die Hand erfassen
Des Schiffsherrn von Nazareth,
Der, wenn die Sterne verblassen,
Nachtwandelnd auf Meeren geht,

Der tief in Wellen und Winden
Verlorenen Stimmen lauscht,
Um Städte wiederzufinden,
Darüber die Sinflut gerauscht,

Der aus dem brausenden Leben,
Drin unser Gut verscholl,
Versunkene Tempel heben
Und neu durchgöttern soll.