Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Auf dem Rugard im Herbstmond 1811 von

Auf dem Rugard im Herbstmond 1811

An Charlotte von Kathen.

Wohin, du freundlicher Strahl,
Wohin locket dein Frühlicht?
Wohin, dämmernder Morgen,
Spielet dein wechselnder Schein?
Berge steigen unter der Berghöh',
Waldige Hügel steigen
Duftig an dem Gestade des Meers auf,
Wo ich als Knabe gespielt.
Und es schwellet mir Sehnsucht
Leuchtende Augen,
Und es flüstert süße Erinnrung
Künftige Freuden
Mir ins lauschende Ohr:
Tor, wohin mit der Unruh'?
Kennst du der Ferne
Gauklisch äffendes Ziel nicht?
Weißt du nicht, was um Paläste
Goldenen Trug spinnt?
Nicht, was an Thronen
Schüttelt mit blut'gem Verrat?
Hier eine Hütte, wo die liebliche Talkluft
Gegen den südlichen See
Abschließt, wo an dem Waldberg
Nachtigallieder der Frühling weckt,
Und ein Feldchen, an dessen
Fernster Grenze dein Weib dir
Von der Schwelle rufet: Spann aus nun,
Denn das Mahl ist bereit.

Aber siehe! Die Nebel
Sinken hin vor der höheren Sonne.
Schaue, wie fliegen
Wandernde Masten
Hin durch die Flut!
Taumelnde Berghöhn
Wandeln mit ihnen,
Schimmernde Türme
Stattlicher Städte
Fließen und tanzen
Jenseits im Blauen,
Und die Bewegung
Mächtigen Lebens
Brauset auch mir in die
Flügel der Seele,
Lüftet des Busens
Schwellende Segel.
Fahr wohl, Ruhe!
Wiege der Kindheit,
Liebliches Eiland, fahr wohl!
Und wiege in Freuden
Hinfort ein glücklich Geschlecht!
Ich mag nicht bleiben,
Denn in die Weite
Lockt die Gefahr mich,
Süße Sirene;
Dräuend auch stellt sich
Blinkender Rüstung
Riesengestalt mir:
Arbeit bei Menschen
Heißt sie, den Göttern
Klingt sie Minerva.
Drum muß ich hinnen;
Wo sich die Länder
Hängen an Länder,
Wo sich die Kämpfe
Drängender mischen,
Da steht mein Leben:
Stille, fahr wohl!