Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Heimweh von

Heimweh

Auf der dampfenden Stadt liegt Mittagsglut,
Und es sinkt mir die Wimper; es wallt mir das Blut,
Und die Straßen so staubig, so dumpf und so schwül,
Und die Menschen so nüchtern, so lieblos kühl,
Und so hastig ihr Schaffen, so wirr ihr Gedräng,
Das Gewissen so weit, und die Herzen so eng –
In der Brust erwacht mir ein Heimweh tief,
Das lange schlief.

Wo am Strande die schimmernden Dünen stehn,
Wo die Masten ragen die Wimpel wehn,
Wo die Möwen am Felsen sich Nester baun,
Wo versunkene Städte vom Grunde schaun,
Wo die rollende Flut zu Lande schäumt,
Und das Herz von vergangenen Tagen träumt
In dem wellenversilbernden Mondenschein –
Da möcht ich sein.

Ein trauliches Heim am brandenden Meer
Und verständige, schlichte Nachbarn umher
Und ich selber mit Weib und mit Kindern darin –
O, wie würd ich genesen an Herzen und Sinn!
Doch der Großstadt Wust, wo die Einfalt stirbt,
Wo der Leib früh altert, die Seele verdirbt,
Wo das heiligste feil ist um eitles Gold,
Hat Gott nicht gewollt.