Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Mannesthräne von

Mannesthräne.

Mädchen, sahst du jüngst mich weinen? -
Sieh, des Weibes Thräne dünkt
Mir der klare Tau des Himmels,
Der in Blumenkelchen blinkt.

Ob die trübe Nacht ihn weinet,
Ob der Morgen lächelnd bringt,
Stets doch labt der Tau der Blume,
Und ihr Haupt hebt sie verjüngt.

Doch es gleicht des Mannes Thräne
Edlem Harz aus Ostens Flur;
Tief ins Herz des Baums verschlossen,
Quillt's freiwillig selten nur.

Schneiden mußt du in die Rinde
Bis zum Kern des Marks hinein,
Und das edle Naß entträufelt
Dann so golden, hell und rein.

Bald zwar mag der Born versiegen,
Und der Baum grünt fort und treibt,
Und er grüßt noch manchen Frühling,
Doch der Schnitt, die Wunde - bleibt.

Mädchen, denk' des wunden Baumes
Auf des Ostens fernen Höh'n:
Denke, Mädchen, auch des Mannes,
Den du weinen einst gesehn!