Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Menschlichkeit von

Menschlichkeit.

Wohl haben auf ergrauter Erde
Die Völker zahllos schon gewohnt,
Und auf verschiednem Opferherde
Die Götter mannigfach gethront.

Auch nach uns werden andre Frommen
Dem Herrn noch schönern Altar weihn;
Es werden neue Leiden kommen,
Und neue Freuden werden sein.

Mich irrt es nicht! Mit Liebesblicke
Schau' ich der Zeiten Ringen an:
Es wechseln Völker und Geschicke,
Die Menschheit geht die gleiche Bahn.

Ich weiß, daß nie ein Tag erglommen,
Der froh nicht eine Brust gemacht;
Daß nie nach Frost ein Lenz gekommen,
Der nicht ein Lied der Welt gebracht.

Ich weiß, daß aus des Bechers Gusse
Ein Schöpferstreben aufwärts schießt;
Daß sich in süßem Frauenkusse
Ein milder Born von Kraft erschließt.

Ich weiß, daß überall der Himmel
Mit Wolken droht, mit Lächeln blaut,
Und nachts zum ernsten Sterngewimmel
Allwärts ein Auge gläubig schaut.

So schau' ich ewig nur das Gleiche,
Das jede Menschenbrust durchzieht,
Und Brüder nur, wohin im Reiche
Des Weltenrunds mein Auge sieht.

Ein Ring bin ich in großer Kette
Der Zukunft, der Vergangenheit;
Und durch des Kampfes Brandung rette
Das Kleinod ich der Menschlichkeit.