Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Meiner Mutter von

Meiner Mutter.

Da schwingt sich über Thal und Hügel
Ein rosenfarb'nes Blatt zu dir
Und bring, auf günst'ger Winde Flügel,
Den allerschönsten Gruß von mir:
Er soll den andern sich vereinen,
Die heute festlich dich umwehn,
Daß du und alle Lieben meinen,
Mich selbst in ihrem Kreis zu sehn.

O daß er doch ein Hymnus wäre
Von tausend Stimmen voll und mild,
Ein Blumenkranz für die Altäre,
Ein Licht vor ein Madonnenbild,
Daß Töne in der Brust mir schliefen,
Wie Orgeln stark, wie Glocken rein,
Und dir im Chor entgegenriefen:
Dein Erstgebor'ner dachte dein!

Wenn jemals mir ein Lied gelungen,
Das aus den jungen Saiten bricht,
Wenn einst mein Wort mit Feuerzungen
An gleichgestimmte Herzen spricht:
So war, so ist's ja deine Seele,
Die sich in meiner spät erschließt,
Bald klagend singt, wie Philomele,
Bald adlergleich gen Himmel schießt.

Du lehrtest mich, durch Frühlingsauen
Mit off'nem Blick und Sinn zu gehn,
Die Wunder der Natur zu schauen
Und ihre Rätsel zu verstehn;
Der erste Vers, den ich gestammelt,
Du legtest mir ihn lächelnd aus,
Und brachtest, durch dich selbst gesammelt,
Mir einen frühen Liederstrauß.

Und wie du stets mit Muttersorgen
Den schwachen Liebling treu gepflegt,
Wenn kalt durch seinen Lebensmorgen
Des Todes Schreckenshauch gefegt,
So hast du auch mit starkem Schilde
Mich vor dem innern Feind bewahrt
Und mich mit echter Frauenmilde
Geführt auf mancher wilden Fahrt.

Daß mir ein Gott die Macht verliehen,
Nur dir als Schutzgeist nah zu sein!
Wie treulich wollt' ich mit dir ziehen,
Dir meine ganze Jugend weihn;
Wie sorgsam würd' ich das entfernen,
Was dich gedrückt auf trüber Bahn;
Wie trüg' ich dich zu ew'gen Sternen
Auf Ruhmesflügeln hoch hinan!

Statt dessen nimm mit alter Güte
Zu deinem Feste diesen Gruß,
Als wär' er eine frische Blüte,
Auf deine Hand ein frischer Kuß!
Fürwahr, der Gottes-Liedersegen
Wird heute erst mir wert und lieb,
Weil er auf meiner Mutter Wegen
Ein Frühlingsblatt im Herbste trieb.