Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Goethes Heimgang von

Goethes Heimgang.

Süß mag das Aug' des Sterbenden sich schließen,
Der Freundesthränen auf der Stirne fühlt,
Die drauf wie eine Todestaufe fließen,
Daß sich der bange Schweiß des Sterbens kühlt!

Doch Götterlos ist's, unbeweint zu scheiden,
Wenn man der Thränen und der Trauer wert!
Wozu soll eine Seele um sie leiden,
Wenn die Vollendung zu den Sternen fährt?

Ja, Götterlos ist's, unbeweint zu scheiden,
Zu scheiden, wie der Tag im Abendrot!
Er gab uns Wärme, Licht genug und Freuden,
Und zieht dahin, weil seine Zeit gebot!

Zu fallen, wie ein Feld voll goldner Ähren,
Die schlank gewallt im grünen Jugendkleid,
Doch nun ihr lastend Haupt zur Erde kehren!
Wer weint darob, daß es nun Erntezeit?

In Nacht zu sinken wie des Meeres Wogen,
Drauf Sonnenglanz, Goldwimpeln, reiche Fracht,
Gesang und Schwäne tagsüber zogen!
Die Zeit ist um, ihr Recht will auch die Nacht!

Und zu zerstäuben, wie die flücht'ge Wolke!
Sie hat Gedeihn geregnet auf die Flur,
Den Friedensbogen hell gezeigt dem Volke,
Und löst sich nun in leuchtendem Azur;

So schied auch er, der nun dahin gegangen,
Der hohe Mann, der kräft'ge Dichtergreis.
Auf dessen Lipp', auf dessen bleichen Wangen
Der Kuß des Glücks noch jetzt verglühet leis.

Ein kalter, starrer Arm, reglos gebeuge,
In dem die goldne Leier lichtvoll blitzt;
Ein greises Silberhaupt, im Tod geneiget,
Drauf immergrün der frische Lorbeer sitzt!

Sah dies mein Aug', nie konnt' es Thränen tauen!
Nein, stillbefriedigt, ruhig, glanzerhellt,
Mußt' unabwendbar drauf es niederschauen, -
Fürwahr, durch eine Thräne wär's entstellt!