Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Bei Koblenz von

Bei Koblenz.
(Am Grabe Schenkendorfs.)

Dorten durch der Brücke Bogen
Eilt die Mosel in den Rhein;
Dorten ragt die Kastorkirche,
Dort der Ehrenbreitenstein.

Um die Berge klimmt die Rebe,
In der Eb'ne wallt das Korn;
Mädchen mit dem Pfeil im Haare
Füllen Krüge sich am Born.

In des Herbstes milder Sonne
Sanft und feiernd liegt die Welt,
Schwalben rüsten sich zur Reise,
Und ich irre durch das Feld,

Irr' auf unbetret'nen Wegen,
Wie der Landmann rauh sie bahnt,
Bis zur Einkehr unter Weiden
Mich ein Gottesacker mahnt.

Gottesacker, Gottesfrieden!
Auf den Gräbern Sonnenstrahl,
Und der Jahrszeit letzte Blumen
Duften um der Kreuze Zahl.

Bunt die Blumen, grau die Kreuze!
Eines seh ich dort erhöht,
Drauf mit ernsten, schlichten Lettern
?Schenkendorf" geschrieben steht.

Nahe dem geliebten Strome,
Dem es laut in Zorn und Schmerz
Freiheitslieder zugesungen,
Schläft das reine Dichterherz.

Ach, die Freiheit, die du meintest,
Kam noch nicht mit ihrem Schein!
Ach, und wiederum in Fesseln
Zieht dein Felsenkind, dein Rhein!

Was du sangst, wofür du strebtest,
Ach, von allem nichts erfüllt!
Wohl dir, daß du nicht erlebtest,
Was dein Hügel dir verhüllt!

Ich indes will ihn bedecken
Mit dem frisch gebroch'nen Strauß,
Will an meinem Wanderstecken
Grollend ziehn zum Land hinaus.

Ob ich je zum Rheine kehre,
Heimatdurstig, wandermatt?
Ob die Freiheit je, die hehre,
Wache hält auf dieser Statt?

In des Herbstes milder Sonne
Sanft und feiernd ruht das Feld,
Sanft und feiernd ruht dein Hügel -
Laß mich! Vor mir liegt die Welt!