Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Sie sagen all', du habest mich verlassen von

Sie sagen all', du habest mich verlassen.

Sie sagen all', du habest mich verlassen,
Erlegen sei dein Mut dem langen Leid,
Sie wispern's leis, sie schrei'n es auf den Gassen
Und wünschen Glück zur neuen Zeit.

Dein Vater schickt mir unsrer Liebe Pfänder,
Zerdrückte Brieflein und ein bischen Gold,
Vergess'ne Reime, halbvergilbte Bänder,
Und schreibt dazu, du habst es so gewollt.

Ich weiß nicht, ob sie deine Truh'n erbrachen,
Ob du gefoltert eine Lüge sprachst;
Ich weiß nur, daß sie eitel Thorheit sprachen,
Daß du mir nimmerdar die Treue brachst.

Ich weiß nur, daß verbannt auch und mit Kränken
Dein Sinn an meiner Seele hängen muß,
Weil deines schönen Hauptes stilles Denken
Der beste Teil von meinem Genius.

Sie können's nicht und werden's nie begreifen,
Die dich bedräut um den verfehmten Mann,
Daß wahre Liebe selbst in Qual nur reifen,
In Glut sich stählen, doch nicht sterben kann.

Ich aber weiß es, daß du allerwegen
Mit Leib und Seele, sonder Wahl und Zwist ,
Auch ohne deiner Sippschaft Gunst und Segen,
Mein Lieb, mein Weib durch Gottes Güte bist.

In diesem Gauben will ich alles tragen,
Was täuschend du in Liebeslust ersannst,
Und darf dir unter Thränen lächelnd sagen:
Geh hin, verlaß, vergiß mich, wenn du kannst!