Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Wenn du verraten mich am Tage von

Wenn du verraten mich am Tage.

Wenn du verraten mich am Tage,
Und wenn du nimmer mein gedacht,
Was kommst du weinend dann, o sage,
Im Traume zu mir jede Nacht?

Was streichst du mit den kleinen Händen
Mir durch das Haar wie dazumal,
Als deiner Augen süßes Blenden
Mein Herz, mein Glück, mein Leben stahl?

Wenn's wahr, was deine Briefe stammeln,
Daß du mich lassen kannst und mußt,
Warum aufs Haupt mir Dornen sammeln
Und Kohlen auf die wunde Brust?

Laß mich in meinem Gram versinken!
Laß mich in meinem Schmerz vergehn!
Laß ab, ans Ufer mir zu winken,
Wo meiner Hoffnung Gräber stehn.

Und doch, wenn dieses Scheinbilds Flehen
Herüberschwebt in meinen Traum,
Dünkt mir's wie goldner Schleier Wehen,
Und meine Sehnsucht zwing' ich kaum.

Dann hör' ich's, wie aus feuchten Kissen
Ein bitter weinend Nachtgebet,
Von sehnsuchtsvollem Gram zerrissen,
Nach meiner Ferne wandern geht;

Dann kommt das Licht der alten Zeiten
Und fließt um dich wie Glorienschein,
Wie Glockentöne klingt's von weiten,
Und in mein Herz zieht Frieden ein.

Wenn du verraten mich am Tage,
Und wenn du nimmer mein gedacht,
Wie käm' dein Denken dann, o sage,
Dein Sehnen zu mir jede Nacht?