Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Wiegenlied von

Wiegenlied.

Schlummre sanft! - Noch an dem Mutterherzen
Fühlst du nicht des Lebens Qual und Lust;
Deine Träume kennen keine Schmerzen,
Deine Welt ist deiner Mutter Brust.

Ach! wie süß träumt man die frühen Stunden,
Wo man von der Mutterliebe lebt;
Die Erinnerung ist mir verschwunden,
Ahnung bleibt es nur, die mich durchbebt.

Dreimal darf der Mensch so süß erwarmen,
Dreimal ist's dem Glücklichen erlaubt,
Daß er in der Liebe Götterarmen
An des Lebens höh're Deutung glaubt.

Liebe giebt ihm ihren ersten Segen,
Und der Säugling blüht in Freud' und Lust.
Alles lacht dem frischen Blick entgegen,
Liebe hält ihn an der Mutterbrust.

Wenn sich dann der schöne Himmel trübte,
Und es wölkt sich nun des Jünglings Lauf:
Da, zum zweitenmal, nimmt als Geliebte
Ihn die Lieb' in ihre Arme auf.

Doch im Sturme bricht der Blütenstengel,
Und im Sturme bricht des Menschen Herz:
Da erscheint die Lieb' als Todesengel,
Und sie trägt ihn jubelnd himmelwärts.