Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Vision von

Vision.

Ich ging am grünen Berge hin, wo sich der Weih
im Äther wiegt
Und reisemüd' der Sonnenstrahl ausruhend auf der Quelle
liegt,
Wo wilde Rosen einsam blühn, die Föhre hoch den Gipfel
kränzt
Und drüberhin noch eine Burg von weißen Sonnenwolken
glänzt.

Ich dacht' an dich, mein süßes Kind, an unsrer Herzen
stillen Schlag,
An unser heimlich Liebesband, und was daraus noch
werden mag.
Ich dachte noch gar mancherlei, was sehnend mir die
Brust bewegt,
Und was auch jetzt im Traum vielleicht dein spiegelklar
Gemüt erregt.

Und wie in solcher Weihezeit mein Gott schon manch-
mal zu mir trat,
Erschien er jetzo in des Bergs frisch jugendgrüner Eichen-
saat.
Der jungen Stämme schlanke Schar umschwankte säuselnd
seine Knie;
So groß und herrlich ging er her vor meiner regen
Phantasie.

Sein Haupthaar war wie Morgengold und wallte gar
so reich und schwer,
Und in den klaren Augen ruht ein ätherblaues Liebes-
meer;
Ein Regenbogen zog um ihn als Gurt die edle Farben-
lust;
Er trug 'nen weißen Blütenstrauß von jungen Linden an
der Brust.

So traf mich seines Auges Strahl wie warmer Sonnen-
schein im Mai,
Und als er meinen Namen sprach, erhob mein Haupt sich
stolz und frei;
Ich wuchs und blühte rasch empor, daß ich mir selbst ein
Wunder schien,
Und wandelte mit leichtem Schritt an Gottes hoher Seite
hin.

Und plaudernd nun erzählte ich Gott all mein irdisch
Thun und Sein.
Doch alles dies geschieht ja nur aus dir, du schönes Kind
allein.
Aus vollem Herzen sprach ich drum von dir, von dir die
ganze Zeit;
Er aber spiegelt lächelnd sich in meiner frohen Seligkeit.

Dann trug ich ihm auch klagend vor, wie ich so gar
ein armes Blut,
Und bat darauf um Haus und Hof, um Bett und Schrein,
um Geld und Gut,
Um Garten, Feld und Rebenland, um eine ganze Heimat
traut,
Darin ich dich empfangen könnt' als reichgeschmückte
Herzensbraut.

Es mußte doch einmal geschehn, drum schilt mich nicht
und werd' nicht rot;
Hör' an, wie mir der Herr für dich gar eine schöne Mit-
gift bot.
Er sprach: ?Zu wenig und zu viel hast du verlangt, mein
lieber Sohn!
Drum thu' ich dir noch viel dazu und nehm' ein wenig
auch davon.

Ich gebe euch nicht Haus und Hof, doch meine ganze
reiche Welt,
Darinnen ihr euch lieben könnt, wie's euren Herzen wohl-
gefällt.
Zwei jungen Seelen ist zu eng das größte Haus, sei's
noch so weit:
Doch finden sie noch eben Raum in meiner Schöpfung
Herrlichkeit.

Der ganze Lenz soll euer sein, so weit nur eine Blume
blüht,
Doch nicht das allerkleinste Beet, um das sich eine Hecke
zieht.
Ich gebe euch kein Prunkgemach, kein Silberzeug, kein
Kerzenlicht,
Weil sich ob Silberbronnenschall Goldstern an Stern zum
Kranz euch flicht.

Und Alles soll besonders blühn für euch, und schöner,
wo ihr geht,
Dieweil euch in mein Paradies ein eigen Pförtlein offen
steht.
So führe dein junge Braut getrost in deine Heimat ein;
Brautführer soll mein lieblichster und allerschönster Früh-
ling sein.

Die Armut sei die Ehrendam' bei deines Herzens
Königin,
Ihr hübscher, zarter Page sei ein immergrüner Jugend-
sinn.
Zum Haushofmeister geb' ich euch ein leicht und fröhlich
Gottvertrau'n;
Es ist ein klug erfahr'ner Mann, dürft auf ihn wie auf
Felsen bau'n."

?Ist unser Haus nicht gut bestellt und auserlesen das
Gesind?
So zaudre nun nicht länger mehr und folge mir, du
blödes Kind!
Ich glaub' auf deinen Wangen spielt vom Morgenrot
ein Wiederschein:
Sobald die Sonn' am Himmel steht, will ich als Freier
bei dir sein."