Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Gebet von

Gebet.

Einem Ruf hab ' ich gelauschet,
Den du mir ins Herz gesendet,
Ew'ger Vater, Quell des Lichts!
Mein Verderben ist gewendet,
Nicht mehr todverkündend rauschet
Mir der Sturm des Weltgerichts.
Doch wie sie mir Schaden brächten,
Stets die Schar der Feinde sinnt -
Rette du aus diesen Nächten,
Vater, dein geliebtes Kind!

Maßlos in der Welten Reiche
Strebt des Geistes kühne Schwinge
Hoch ob allen Klüften hin.
Doch zu mächtig sind die Dinge;
Nimmer zwing' ich sie ins Gleiche,
Ewig schwankt und fehlt mein Sinn.
Ach, ich weiß nicht, ob zur Rechten,
Ob zur Linken Pfade sind -
Rette du aus Zweifelsnächten,
Vater, dein geliebtes Kind!

Mag in heil'gem Mut ich streben,
Ganz die Welt mir zu erkämpfen,
Daß sie diene deinem Reich:
Ach, ich kann sie doch nicht dämpfen,
Oft noch muß ich mich ergeben
Ihrem Locken süß und weich.
Schau, wie sie mit Zauberflechten
Ihrer Schönheit mich umspinnt -
Rette du aus Sündennächten,
Vater, dein geliebtes Kind!

Ja, du nährst die Kraft! Gewaltig
Steh' ich in dem Streit als Sieger!
Aber weh, mich trifft ihr Zorn,
Und den kühnen Gotteskrieger
Trifft, verschmäht, sie vielgestaltig
Mit des bittern Todes Dorn.
Mit dem letzten Feind zu fechten
Hilf, Herr! meine Kraft verrinnt -
Rette du aus Todesnächten,
Vater, dein geliebtes Kind!