Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Trauerstunden von

Trauerstunden.

Nie im Jubel heller Freude
Hab' ich je ein Lied erdacht,
Nie den holden Lenz besungen
Mitten in des Lenzes Pracht,
Schüchtern schwieg der Dichtung Stimme
Vor des Lebens Übermacht,
Erst wenn mir ein Glück gestorben,
Ist's im Liede neu erwacht.

Erst in grauen Wintertagen
Zaubert' ich den Rosenflor
Und den Glanz des Maienhimmels
Sehnsuchtsvoll im Lied mir vor;
Erst in düstern Trauerstunden,
Wenn mein Liebstes ich verlor,
Schwang mit Flügeln des Gesanges
Sich das Herz zu Gott empor.

Also schlägt in Wetternächten
Brünstiger die Nachtigall;
Wenn die Sonne erst versunken,
Steigt des Mondes Silberball;
Nur wenn sie vom Schlage zittert,
Giebt die Saite süßen Schall;
Edle Perlen wirft ans Ufer
Sturmesflut und Wogenschwall.

Nur gedroschen auf der Tenne
Springt hervor das goldne Korn,
Nur getreten in der Kelter
Quillt des Weines Purpurborn,
Und der süße Kelch der Rose
Blüht am rauhen Hagedorn,
Und zum königlichen Sprunge
Zwingt das Roß der scharfe Sporn.

Ja, es reift die rechte Freude
Nur im Schoß der Traurigkeit,
Und die Mutter schöner Kinder
Ist das bleiche Herzeleid,
Gottes hellste Friedensterne
Leuchten in der Dunkelheit,
Gottes liebste Segensengel
Melden sich im Trauerkleid.

Wenn sie kommen, schwarz umfloret,
Bang beklagst du dein Geschick;
Wenn sie weilen, bald entschleiert
Sich ihr milder Frühlingsblick;
Wenn sie gehen , lassen segnend
Sie ein Gastgeschenk zurück;
Wenn sie schieden, rufst du dankend:
Meine Trübsal war mein Glück!

Drum willkommen, Tauerstunden,
Gnadenzeiten heil'ger Zucht;
Sei gesegnet, ew'ge Liebe,
Die im Schmerz mich heimgesucht;
Stille beuge dich, o Seele,
Unter deines Kreuzes Wucht,
Den Betrübten und Geübten
Reift am Kreuz des Friedens Frucht.