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Das letzte Stündlein von

Das letzte Stündlein.

In einer seltnen Kirche war ich heut,
Da sah ich betend Gottes Herrlichkeit.
Von einer Andachtsstunde komm ich her,
Mein lebenlang vergess' ich sie nicht mehr.
Die Kirche war kein hoher Säulendom,
Durchwogt vom farbenreichen Menschenstrom.
Zur Andacht rief kein voller Glockenklang,
Nicht Orgelton erscholl, noch Chorgesang.
Die Kirche war ein schmucklos Kämmerlein,
Durch trübe Scheiben fiel der Abendschein.
Als betende Gemeinde standen wir
Geschart im Kreis zu dreien oder vier.
Ein schlecht gezimmert Bettgestelle war,
Im engen Kirchlein Kanzel und Altar.
Ein sterbend Mütterlein war Priesterin,
Die feierte ihr letztes Stündlein drin.
Seit siebzig Jahren trug sie ihre Last,
Nun kam der Tag der längst ersehnten Rast.
Durch manches Weltgedränge schlug sie sich;
Den letzten Kampf nun stritt sie ritterlich.
Sie sprach: Mein Gott, in Frieden fahr' ich hin,
Christ ist mein Leben, Sterben, mein Gewinn.
Dann lag sie da in selig matter Ruh'
Und nickte leis' noch unsrem Beten zu.
Wir lauschten still den schweren Atemzug,
Dem seltnen Pulse, der schon stockend schlug.
Jetzt kam des Todes ernste Majestät,
Wir schauderten, von seinem Hauch umweht.
Sein Schatten traf entstellend ihr Gesicht,
Ihr Mund ward fremd und kraß der Augen Licht.
Ein Seufzer noch, ein letzter Herzensstoß:
Nun war's vollbracht, der bange Geist war los.
Durchs offne Fenster säuselte gelind
Gleich Engelsfittichen ein Abendwind.
Ins Stüblein floß der Sonne letzter Glanz,
Da ward ihr Anblick wieder Friede ganz.
Wie Wachs die Stirn, das volle Haar ergraut:
Doch lag sie schön wie eine Himmelsbraut
Ihr Herz gebrochen, ihre Kraft dahin:
Doch lag sie stolz wie eine Siegerin.
Wir standen da, vom Preise Gottes voll,
Und sprachen leis: wer so stirbt, der stirbt wohl.
Dann deckten wir ihr Haupt mit Linnen zu,
Und wünschten ihr die ew'ge Himmelsruh'.
Ins Gäßlein stieg ich nieder, heimzugehn,
Da trieb's die Welt, als wäre nichts geschehn.
Der Nachbar spaltete sein Restlein Holz,
Der Sperling lärmt' im Glanz des Abendgolds;
Die Kinder warfen lustig ihren Ball,
Von ferne rasselte der Räder Schall;
Hier unten ging der laute Strom der Zeit,
Und oben floß die stille Ewigkeit.