Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Arnalda di Recas von

Arnalda di Recas

Was für ein schnelles Todesschrecken
Will Schlag und Schall von ohngefehr
In unsern Mauren itzt erwecken?
Wo rührt denn die Verwirrung her?
Was heißt es, daß man ganze Haufen
Von Volk durch alle Straßen sieht
Gleich dem gescheuchten Wilde laufen,
Und groß und klein mit Zittern flieht?

Wie? ist etwan ein Feind vorhanden,
Der unsre Ruh und Freyheit kränkt,
Und bey dem Raub in Strick und Banden
Uns allerseits zu schlagen denkt?
Schallt nicht die Post schon in die Ohren:
Flieht, Bürger, warnet wen ihr kennt,
Der Feind ist wirklich vor den Thoren
Und hat Nicosien* berennt.

Weh uns! ich sehe schon von weiten
Die aufgespannten Seegel weh'n,
Die sich mit aller Macht bereiten
Auf uns gerüstet los zu geh'n.
Ist's nicht ein Schwarm von den Barbaren?
Er ist es, leider! wie wir seh'n,
Wie wird die Brut mit uns verfahren?
Ach Schmerz! es ist um uns gescheh'n!

Gefährten! auf! ergreift die Waffen!
Kommt, macht durch tapf're Gegenwehr
Der Muselmänner Schwarm zuschaffen!
Und wenn er noch weit stärker wär!
Wir fechten mit. Zerbrecht die Ketten,
Erwürgt die wilde Kriegerschaar,
Helft uns're Ehr' und Freiyheit retten,
Denn beyde stehen in Gefahr.

Wo nicht, so laßt uns eilends fliehen,
Damit uns die Tyrannen nicht
In die verfluchten Klauen ziehen,
Die sie bereits auf uns gericht.
Fort, Nympfen! suchet Kluft und Hölen,
Verberget euch mit mir darein.
Die müssen wir zur Freystadt wehlen,
Wofern wir wollen sicher seyn.

Allein, umsonst! der Räuber Menge
Hemmt der erstarten Flüsse Lauf.
Wir kommen schon in das Gedränge.
Wer hält die Furien wohl auf?
Hier sind sie. Seht die Feuerballen,
Die leider mehr als zu geschwind
Auf uns gleich einem Hagel fallen,
Und unser aller Mörder sind.

O mehr als grausames Geschicke,
Ist's möglich, daß mir deine Macht
Der Saracenen Band und Stricke
In meiner Unschuld zugedacht?
Erlaubt ihr's denn, erzürnte Sterne!
Daß ich mich schwach udn jammersvoll
Von meiner Vater-Stadt entferne,
Und ihr den Rücken zeigen soll?

Wollt ihr, daß ich den Trieb zur Tugend
Des wilden Sultans geilem Kuß
Schon in dem schönsten Flor der Jugend
Mit Widerwillen opfern muß?
Ja, ja, der Schluß ist so gefallen,
Ihr wollt es, Störer meiner Ruh!
Dort hört auch mich: Bey diesem allen
Spricht doch Arnalda, Nein, darzu.

Nein! Selim soll mich nicht erblicken;
Denn Recas großmuthsvoller Sinn
Wird ihm das Ziel gewiß verrücken,
Wenn ich auch schon die seine bin.
Nein, Unmensch! die vermeynte Beute
Fällt dir doch nicht in Arm und Schooß:
Denn die Gebund'ne reißt noch heute
Sich von den Fesseln selber los.

Ihr frechen Räuber, eilt geschwinde:
Spannt schleunig eure Seegel auf;
Vollbringt die Farth bei gutem Winde,
Ihr Sclaven! rudert tapfer drauf.
Ihr sollt doch nicht Byzantz erreichen,
Das euch die Hoffnung schon entdeckt:
Ihr Thoren habt die Siegeszeichen
Umsonst vor diesmal aufgesteckt.

Verbannt, Gespielen, Angst und Zagen,
Entreißt euch aller Traurigkeit.
Ich muß, ich soll, und will was wagen,
Das mich und euch von Schmach befreyt.
Mein Herze flieht die schnöden Flammen,
Der Himmel stimmt selbst überein;
Was Recht, Gesetz, Natur verdammen,
Muß Menschen auch ein Abscheu seyn.

Soll dies nicht Herz und Seel' erschrecken,
Wenn man, verfluchenswerther Kuß!
Sich durch der Wilden Brunst beflecken
Und ihre Flammen löschen muß!
O Greuel! der nicht auszusprechen;
Flieht, Schwestern, die verhaßte Glut,
Säumt nicht, euch und auch mich zu rächen;
Ich opfre selbst vor euch mein Blut.

Ergreif, Arnalda, Schwert und Feuer,
Auf, zünde, so geschwind man kann,
Zum Trotze diesem Ungeheuer
Dein fliegendes Gefängniß an.
Spreng Schiff und Mast zu tausend Stücken,
Daß Tief' und Höhe bebt und kracht,
Laß mir den letzten Streich noch glücken!
Welt und Gefährten, gute Nacht!

Fußnote

Die Stadt Nicosia auf Cypern, aus welcher die mit dem Schiffe sich in die Luft sprengende Heldin Arnalda von den Türken geraubt wurde.