Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Gebhard von Schwarzenhagen von

Gebhard von Schwarzenhagen *

Seht ihr dort wohl die Rudera
Auf jenem Berge liegen?
Noch steht ein Thurm vom Schlosse da,
Den hab' ich einst bestiegen.
Da liegen unter Moos und Stein
Zerbrochne Pfeiler groß und klein,
Wo unter Brombeerbüschen
Die Schlangen gräßlich zischen.

Einst waren's Zimmer, blank und rein,
Wo jetzt die Füchse nisteln,
Einst floß wie Wasser da der Wein,
Wo Gras nun wächst und Disteln,
Einst tanzte man bei Rundgesang
Und bei der Hörner lautem Klang,
Wo in den Dorngesträuchen
Jetzt Molch und Kröte schleichen.

Denn zu des Kaisers Siegmund Zeit
Lebt' hier, nach alten Sagen,
Ein Ritter voll Ruchlosigkeit,
Gebhard von Schwarzenhagen.
Sein Stamm war alt und kühn und groß,
Und tief in's Glückes weitem Schooß
Hochmutheten sie alle;
Denn Stolz kommt vor dem Falle.

Kaum war der Tag herauf gegraut,
So tönt aus allen Ecken
Trara! Trara! das Hüfthorn laut,
Zur Jagd das Schloß zu wecken.
Zertreten ward manch Aehrenfeld,
Mit Schweiß vom Unterthan bestellt,
Den Gebhard, wenn er klagte,
Gleich selbst zu Boden jagte.

Gebrach's im Schloß, so warfen er
Und seine Söhn' und Brüder
Die Reisenden, die Nachts daher
Des Weges zogen, nieder;
Mit Sack und Pack lud man sie auf
Die Rosse, schleppte sie hinauf
In's Schloß, wo - ach, der Zähren
Kann ich mich kaum erwehren!

Denn mancher Todtenknochen fand
Sich unten in der Klippe,
Und aus des Schlosses Brunnen wand
Man kürzlich noch Gerippe;
Ein Gang mit tief verborg'ner Thür -
Weh Gebhard, Gebhard, wehe dir!
Denn keiner dieser Knochen
Verweset ungerochen.

Er aber und sein ganzer Troß
War lustig, guter Dinge,
Verließ sich auf sein festes Schloß
Und seines Schwertes Klinge,
Und so, war auf der Jagd gehaust,
Ward in der Nacht der Fang verschmaust,
Daß noch die Gläser klangen,
Wenn schon die Lerchen sangen.

Ging's wüst genug am Alltag her,
Ging's Sonntags zehnmal wüster;
Der Bauer mußte seh'n, daß er
Mehr war, als wie sein Priester,
Der, wenn er auf der Kanzel stand,
In seiner Bibel Karten fand,
Und sich mit Pech die Hände
Besalbt' an der Agende.

Einst, als sie so, nach einer Jagd
In ihrem Sode lagen,
Rief eine Stimm' um Mitternacht:
?Weh allen Schwarzenhagen!" -
Die Ritter stutzten freilich sehr,
Doch Gebhard sprach: ?Was ist's denn mehr?
Glaubt ihr an's Prophezeihen?
Laßt doch die Eulen schreien!

?Noch Wein! schenkt ein! kommt her! faßt an!
Die Eulen sollen leben!"
?Ja - schrei'n sie alle Mann für Mann -
Die Eulen sollen leben!
Und söffen sie, wie Menschen, Wein,
Sie sollten uns willkommen sein,
Und sicher dann wohl sagen:
Heil allen Schwarzenhagen!?

Als endlich man den Ritter nun
Berauscht in's Bett getragen,
Rief abermals ein Leichenhuhn:
?Weh allen Schwarzenhagen!"
Gebhard stand auf, ging in den Saal,
Und hörte da zum drittenmal
Mit hohler Stimme klagen:
?Weh allen Schwarzenhagen!" -

Im Hui! verschwand ihm jeder Sinn
Und über ihn kam Grauen;
Er tappte nach dem Fenster hin,
Um nach dem Tag zu schauen:
Da sah'n aus hoher Himmelsfern
Der Vollmond und der Morgenstern
Auf Gebhard blaß herunter
Und gingen wolkig unter.

Schwarz war es um ihn her, und schnell
Ihm über'n Kopf weg flogen
Drei Raben; plötzlich ward es hell!
Denn langsam angezogen
Mit Blendlaternen kam ein Zug,
Der eine Todtenbahre trug,
Stillschweigend näher rückte,
Und auf nach Gebhard blickte.

Der Ritter wollt' entflieh'n allein
Kein Fuß ging von der Stelle;
Er wollt' um Licht, um Hülfe schrei'n,
Doch konnt' er nicht; die Hölle
Mit ihren Schrecken fiel auf ihn,
Und er gelobt' auf seinen Knie'n
Nun Besserung des Lebens
Und Hab und Gut vergebens.

Die Thür sprang auf, und Paar bei Paar
Mit leichenblassen Wangen
Kam da der Zug, so lang er war,
Den Saal hinein gegangen.
Hussa! mit welchem Schrecken sah
Er seine ganze Sippschaft da
Ihn teuflisch freundlich grüßen,
Und ihn im Kreis umschließen.

Stillschweigend setzten sie darauf
Die Bahre vor ihm nieder;
Des Sarges Deckel hob sich auf,
Und schloß sich langsam wieder;
Der Ritter sah es und erblich,
Denn in dem Sarge sah er sich
Nach allen seinen Zügen
Leibhaftig selber liegen.

Nun heulten sie: ?Bestell' dein Haus,
Denn du mußt morgen sterben!
Mit deinem Schwelgen ist es aus;
Komm, sollst den Lohn nun erben!" -
Und Knall und Fall die ganze Schaar
Verschwand mit Sarg und Todtenbahr'
In schwefelblauem Lichte
Vor Gebhard's Angesichte.

?Wohl! rief er - Gott verlasse mich!
Denn ich mag kein Erbarmen!"
Drauf riß er mit den Zähnen sich
Das Fleisch von seinen Armen
Und fuhr zur Höll', und eh' ein Jahr
Nach dieser Nacht verfloß, da war
Der letzte Schwarzenhagen
Schon in die Gruft getragen.

* Der Stoff zu dieser Ballade ist aus einer Tradition genommen, wovon wenigstens das historisch gewiß ist, daß die Familie der von Schwarzenhagen, so zahlreich sie auch war, dennoch in einem Jahre ausstarb.