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Menschliches, Allzumenschliches von

Menschliches, Allzumenschliches

In der Oase dort am Quellenrande,
Erschöpft, ermattet, sank Ben Achmet hin,
Mit wundem Fuß vom trocknen Wüstensande,
Den glühend heiß der Sonne Strahl beschien.
Es trieb ihn über Meere, durch die Lande;
Der ganzen Menschheit wollte er entflieh'n,
Um mit sich selbst allein zu überwinden
Und konnt' er's nicht: einsam den Tod zu finden.

Und düstern Blick's ließ er sein ganzes Leben
An seinem innern Aug' vorübergeh'n.
Wem galt des Jünglings erstes heil'ges Streben?
Was hatte er als höchstes Ziel erseh'n? -
Die Freundschaft war's, der er sich hingegeben,
Die keine Macht im Herzen konnt' verweh'n.
Weil er die Treu' auf seinen Schild geschrieben,
Glaubt' er, nie wandle sich des Freundes Lieben.

Die Freundschaft, die begeistert er gepriesen
Als unsrer Seelen sittlichsten Gehalt,
Die einst er wollt' zum Ideal erkiesen,
Die leuchtend er mit Jugendgluth gemalt,
Sie hatte rasch als trüg'risch sich erwiesen,
Wo es des Freundes eignen Vortheil galt.
Und weinend mußte es sein Auge schauen,
Wie schnell der Wahn entschwand und das Vertrauen.

Doch sieh! Da zieht auf schimmernd gold'nen Schwingen
Ihm eine Tröst'rin in die wunde Brust.
Ihm ist's, als müßt' ihm jedes Werk gelingen,
Er wird sich jubelnd seiner Kraft bewußt.
Sein ganzes Sein fühlt mächtig er durchdringen
Ein heißes Glück voll nie geahnter Lust,
Und auf schreit er zum Himmel voll Entzücken:
?Nur Liebe, Liebe nur kann uns beglücken!"

Doch kennt ihr sie, die unheilvolle Stunde,
Wo Alles über uns zusammenbricht,
Wo unsre Brust nur eine blut'ge Wunde,
Wo dunkel uns erscheint der Sonne Licht
Und unser Mund von unsrem Liebesbunde
Nur mit Enttäuschung und mit Ekel spricht?
Die Stunde kam und nieder sank in Trümmer
Ben Achmet's Göttin in den Staub für immer.

Will gänzlich sich des Glückes Baum entlauben,
So holt der Mensch sich Trost bei seinem Gott -
Wer wollte ihm die fromme Hoffnung rauben,
Die ihn noch schützt vor selbstgegeb'nem Tod?
Ben Achmet's Herz auch suchte nach dem Glauben
Der seiner Seele sanfte Heilung bot.
Und grübelnd prüfte er die Religionen,
In welcher wohl der Frieden möchte wohnen.

Nicht war's der Islam, der mit scharfem Schwerte
Die blut'ge Straße zog mit Kriegesmacht
Und wild fanatisch Alles rings verheerte,
Was sein Bekenntniß ihm nicht dargebracht,
Mit höchstem Ruhme Jene nur verklärte,
Die kämpfend fielen in der Glaubensschlacht.
Ben Achmet schien's, des Glaubens schönste Blume
Erschlösse sich uns nur im Christenthume.

Der Thor! Bald sollte sich's ihm offenbaren,
Wie oft die Zwietracht hier das Scepter schwang,
Wie oft sich unter geistlichen Talaren
Ein Herz zu frömmeln und zu heucheln zwang,
Und statt nur unser Seelenheil zu wahren
Die Kirche nach der Weltenherrschaft rang. -
?Dies ist - rief Achmet - Gottes Reich auf Erden?
Nein, hier kann Trost und Wahrheit mir nicht werden!

?Nun auch der Traum des Glaubens mir zerronnen,
Bleibt mir nur eins: zu tauchen meinen Geist
Nun in des Wissens tiefen, reichen Bronnen,
Zu dem der Forscher uns die Pfade weist".
Was Jahr und Jahr uns Menschengeist gewonnen,
Was unser Mund als höchste Weisheit preist,
Das machte forschend Achmet sich zu eigen,
Das sollte ihm den Weg zur Wahrheit zeigen.

Doch was Gelehrte zunftstolz auch verkünden,
Er sah, wie breit des Wissens Lücke klafft.
Der Dinge letzte sucht' er zu ergründen,
Die uns gelehrt noch keine Wissenschaft,
Den Urquell alles Lebens wollt' er finden,
Belauschen der Natur geheimste Kraft,
Und alle Weisen frug er ungeduldig -
Doch diese blieben ihm die Antwort schuldig.

Da floh Ben Achmet aus der Menschen Mitte
Bis in der Wüste tiefste Einsamkeit,
Und zur Oase lenkt' er seine Schritte,
Wo ihm die Palme süßen Schatten beut,
Sich weicher Rasen schmiegt an seine Tritte
Und frisches Grün das müde Aug' erfreut.
Dort lag er einsam träumend an der Quelle,
Da nahte langsam sich ein Greis der Stelle.

Es glich der Alte einem Heil'genbilde,
Das aus dem Rahmen lebend steigt hervor.
?Was führt Dich her, mein Sohn?" sprach er mit Milde,
Und dieser sprang erschrocken rasch empor.
Abwehrend streckt der Greis gleich einem Schilde
Die beiden Hände gegen Achmet vor.
?Laß Dich, mein Sohn, mein Wesen nicht verdrießen
Und zög're nicht, Dein Herz mir aufzuschließen".

Und Achmet schildert nun ihm seine Qualen,
Er schildert ihm auch seines Lebens Frucht,
Wie er getäuscht in allen Idealen
Der Welt und aller Wissenschaft geflucht. -
Da sieht er hell des Alten Aug' erstrahlen,
Und die so lang er fieberhaft gesucht,
Ertönen hört er sie in diesr Stunde:
Die Wahrheit aus des Philosophen Munde.

Ben Achmet lauscht und möcht' noch weiter lauschen,
Da schon der Greis verstummend inne hält,
Er hört der Wahrheit mächtig Flügelrauschen,
Daß es wie Schuppen ihm vom Auge fällt.
Sein ganzes Denken muß er nun vertauschen,
Das in dem Wort des Alten ist zerschellt.
Der wehrt ihm ab - doch kann er ihm's nicht wehren,
Daß er ihn muß wie einen Gott verehren.

Er fühlt sich frei, er fühlt sich ganz genesen,
Nun er des Weisen Rede hat gehört -
Die ganze Menschheit will er nun erlösen
Mit jener Worte ungeheurem Werth.
Und vor den Greis, der Retter ihm gewesen,
Da stürzt er hin, indem er ihn beschwört:
?O komm mit mir und hilf der Welt zur Klarheit,
Du Weiser, Du allein kennst sie - die Wahrheit!"

Umarmen will den Greis er in Extase,
Der seine Fassung plötzlich ganz verliert.
??Siehst Du denn nicht, daß ich vom feinsten Glase
- Schluchzt er, indem er ängstlich ihn fixirt -
Und daß ich platze wie die Seifenblase,
Wenn meinen Leib nur leise man berührt?!""
Ben Achmet fühlt das Blut in sich erstarren:
Im Weisesten erkennt er - einen Narren.