Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Das dumme Brüderlein von

Das dumme Brüderlein

(1500-1550.)

Wo soll ich mich hinkehren,
Ich dummes Brüderlein,
Wie soll ich mich ernähren
Mein Gut ist viel zu klein;
Wie wir ein Wesen han,
So muß ich bald daran,
Was ich heut soll verzehren
Ist gestern schon verthan.

Ich bin zu früh geboren,
Wo heute ich hinkomm,
Mein Glück das kommt erst morgen,
Hätt ich den Schatz im Dom,
Dazu den Zoll am Rhein,
Und wär Venedig mein,
So wär es all verloren,
Es müßt verschlemmet seyn.

Was hilft, daß ich mag sparen,
Vielleicht verlör ichs gar,
Sollt mirs ein Dieb ausscharren,
Es reute mich ein Jahr,
Ich weis, mein Gut vergeht
Mit Schlemmen früh und spät,
Doch der hat einen Sparren,
Dem was zu Herzen geht.

Ich laß die Vögel sorgen
In diesem Winter kalt,
Will uns der Wirth nicht borgen,
Den Rock geb ich ihm bald,
Sein Wein, der mich erzog,
Hat nur ein hölzern Rock,
Will mich als Faß ihm borgen,
In meinem rothen Rock.

Rück an den Schweinebraten,
Dazu die Hühner jung,
Darauf mag bas gerathen
Ein frischer kühler Trunk,
Mein Freund, du guter Wein,
Willkommen, du bist mein,
Mir ist ein Beut gerathen,
Das muß verschlemmet seyn.

Drey Würfel, eine Karte,
Das ist mein Wappen frey,
Sechs hübsche Fräulein zarte
An jeder Seite drey,
Komm her du schönes Weib,
Mein Herz freut sich im Leib,
Du mußt heut auf mich warten,
Der Wein ist Zeitvertreib.